Berlin : Virus aus der Tiefkühltruhe

Verdacht, dass Vogelgrippefälle durch gefrorene Enten übertragen werden, löst Debatte aus. Angeblich keine Gefahr für Menschen

Sandra Dassler

Die Nachricht, dass die drei aktuellen Fälle von Vogelgrippe in Brandenburg möglicherweise durch Tiefkühlenten aus dem Handel ausgelöst wurden, hat gestern auch in Berlin Geflügelhändler und Tierärzte überrascht. „Ich habe gar nicht gewusst, dass das Virus H5N1 in tiefgefrorenem Geflügel überleben kann“, sagte der Berliner Händler Eckhard Otto, der 30 verschiedene Standorte in Berlin und Brandenburg betreibt. Hans-Joachim Bathe-Peters, der Amtstierarzt von Mitte, warnt vor Panikmache. „Für Menschen besteht kaum Gefahr“, sagte er: „Außerdem ist das ja bislang nur ein Verdacht.“

Das betonte gestern auch ein Sprecher des brandenburgischen Agrarministeriums: „Wir wissen nicht, ob der Verdacht des Amtstierarztes von Ostprignitz-Ruppin, Matthias Rott, realistisch ist“. Rott hatte bei der Untersuchung des neuesten Falls von Vogelgrippe die Vermutung geäußert, dass „sich die Tiere durch achtlos weggeworfene Innereien der Enten angesteckt“ hätten. Der Präsident des Friedrich-Loeffler-Instituts auf der Insel Riems, Thomas Mettenleiter, schließt diesen Weg der Übertragung ebenfalls nicht aus: „Vor einiger Zeit wurden in Bayern mehr als hunderttausend Enten getötet, weil in ihren Beständen H5N1 nachgewiesen wurden“, sagt er. Es sei nicht völlig ausgeschlossen, dass bereits infizierte Enten in den Handel gelangten. „Im Gegensatz zu Hühnern können Enten mit dem Virus weiterleben“, sagte Mettenleiter: „Natürlich kann nicht jedes geschlachtete Tier auf H5N1 untersucht werden, aber die Kontrollen in den Beständen sollten auf jeden Fall engmaschiger werden.“

Der Leiter des Instituts für Geflügelkrankheiten an der Freien Universität Berlin, Mohamed Hafez, hält eine Übertragung durch Wildvögel für wahrscheinlicher. Amtstierarzt Rott hingegen fragt sich, warum dann bislang in der Nähe der drei Hühnerhöfe, in denen das Virus nachgewiesen wurde, keine weiteren Infektionen auftraten. „Ein Wildvogel lässt nicht nur alle 70 Kilometer etwas fallen“, sagt er: „So weit liegen die Bestände auseinander.“ Außerdem wurde bislang kein einziger mit H5N1 infizierter Vogel entdeckt.

Dass sich eine Übertragung des Virus durch Tiefkühlenten nachweisen lässt, halten Experten eher für unwahrscheinlich. Allein die Möglichkeit sollte jedoch Geflügelhalter und Verbraucher zu mehr Vorsicht veranlassen, sagt Thomas Mettenleiter: „Beim Zubereiten des Geflügels sollte streng auf Hygiene geachtet werden – auch wenn bislang kein Fall bekannt ist, bei dem jemand vom Verzehr gestorben ist.“ H5N1 müsse eingeatmet werden oder in die Schleimhäute gelangen, um die tödliche Wirkung zu entfalten. Geflügelhändler Otto hofft, dass es nach dem Verdacht keine Panik bei Verbrauchern gibt. „Was unsere Kunden anbelangt, habe ich da keine Angst“, sagt er: „Sie vertrauen uns, und außerdem liefern wir nur frisches Fleisch.“ Sandra Dassler

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