Berlin : Visite ma tente

Frank Jansen

Manchmal ist ein Thekentanz das Resultat einer Irrfahrt. Damit ist natürlich kein Frustsuff als Folge einer vergeblichen Suche nach charmanten/scharfsinnigen/schönen Berlinerinnen und Berlinern gemeint. Es geht meist ganz banal um eine Adresse, die nicht mehr stimmt oder nur rudimentär im Gedächtnis haftet. Dann kehren drinking man und compañera in der erstbesten Bar ein, die einen anblinkt. So kamen schöne Abende zustande, auch wenn die Suche nach dem ursprünglich angestrebten Lokal zunächst eine Stimmungsdelle verursacht hatte. Ähnlich war es, als das drinking couple und eine amiga kürzlich in Prenzlauer Berg herumirrten. Da die vom drinking man fragmentarisch notierte Bar partout nicht auftauchen wollte, war dieses Ecklokal an der Reihe, auf dessen Milchglasscheiben „Visite ma tente“ steht.

Visite ma tente? Diesen Spruch – „besuch’ mein Zelt“ – halten Sprachforscher für die Urform der deutschen, etwas altväterlich klingenden Redewendung von den „Fisimatenten“. Angeblich haben französische Besatzungssoldaten nach dem Ersten Weltkrieg oder sogar schon zu Zeiten Napoleons im Rheinland der Damenwelt das frivole Angebot eines tête-à-tête in Militärzelten unterbreitet, worauf sich die Deutschen mit dem verballhornenden, gleichwohl humorlosen „mach keine Fisimatenten“ revanchierten. Erstaunlich, dass „visite ma tente“ auch heute noch und weitab vom Rheinland unvergessen ist – und sogar zum Namen einer jungen Schänke taugt. Die sich zudem als „Franzosenbar“ präsentiert.

Wo eine leibhaftige und überaus reizende Französin bedient. So ist das also: Eine Frau aus dem gallischen Nachbarvolk führt uns Deutsche mitten in der Hauptstadt von den Fisimatenten zu deren Ursprung, der wilden Zelt-Liebe à la française. Rein etymologisch, natürlich.

Diese historische Leistung wird allerdings mit einem geradezu unfranzösischen Understatement präsentiert. Die Bar ist klein, die Gäste sitzen an schmalen Tischen mit Plexiglas-Auflagen, die Tresenplatte ist ebenfalls durchsichtig. Unter der Decke hängen zwei ultrascheußliche Leuchter mit zahllosen Glühbirnen, die in einer Art 70er-Jahre-Wunderkerzenfeuergewirr nach allen Seiten abstehen. Aus cremeweißen Boxen schallte, un peu zu laut, Rap und der Buena Vista Social Club. Aber keiner der französischen Chanson-Charmeure oder eine Sirene wie Edith Piaf.

Dafür ist die kleine Getränkekarte mit Französizismen übersät. Ein Long Island Ice Tea heißt hier Thé glacé de l’île longue. Wunderbar. Die Keeperella brachte einen Daiquiri français (Crème de Cassis, rhum blanc, jus de citron vert, sucré glacé), einen Ti-Punch (Rhum blanc, citron vert, sirop de canne à sucre), einen Français 76 (Jus de citron, sirop des sucre, grenadine, vodka, champagne), einen Bijou (Vermouth dry, chartreuse verte, gin, liqueur d’orange), einen Cocaine liquide (vodka, Red Bull, champagne) und – eine Afri Cola.

Die genossenen coquetèles waren sich ähnlich: Mit liebevoll zelebriertem Dilettantismus von der Französin zu eigenwilligen Feuchtkörpern zusammengemixt. Viele Eiswürfel. Macht nichts – bei der Grundidee von visite ma tente ging es ja weniger um Drinks. Deshalb wird in dieser Bar nur ein spröder deutscher Nachbeter der Fisimatenten-Parole auf perfekte Cocktails bestehen.

Visite ma tente, Prenzlauer Berg, Christinenstraße 24, Tel.: 44 32 31 66, ab 17 Uhr

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