Berlin : Vitaminspritze für Mitte

Die Kneipe „Obst und Gemüse“ begründete den Mythos Oranienburger Straße mit. Doch nach wilden Wendejahren kam das Aus. Nun wagt das Lokal den Neubeginn

Wiebke Heiss

Modeopfer sollten sich nicht verwirren lassen. Hinter dem orange leuchtenden Schriftzug „O & G“ steckt kein neues Designerlabel, das so ähnlich klingt wie Dolce & Gabbana, sondern mehr. Die Partyszene in Berlin weiß, dass ein Kult dahinter steckt. Und zwar eine Kneipe, die einige Jahre nach dem Mauerfall dazu beitrug, dass die Oranienburger Straße zum Mythos bei Nachtschwärmern wurde – das Obst und Gemüse. Nach einem Jahr Pause ist es nun wieder da. Allerdings ein wenig schicker als früher.

Die schlichte Kneipe wurde 1992 in zwei leer stehenden Räumen gegenüber dem Tacheles eröffnet, und da vor dem Mauerfall in diesem Laden jahrzehntelang die DDR-Lebensmittelkette Obst und Gemüse residierte, übernahm man diesen Namen. Obst und Gemüse stand in den darauf folgenden zehn Jahren nicht mehr für Karotten und Kohl, sondern für einen Szenetreffpunkt in Berlin-Mitte. Nena kam mit ihrer Tochter, Heike Makatsch mit Freunden. Fast alle Berlin- Reiseführer empfahlen die Kneipe als Muss für Szene-orientierte Touristen.

Zehn Jahre hielt das Obst und Gemüse den Modernisierungen auf der Oranienburger Straße stand. Immer mehr Restaurants, Clubs und Bars öffneten, die Touristen kamen, die Berliner wichen in andere Kieze aus. Das Obst und Gemüse war eine der wenigen Kneipen, in dem Auswärtige, Neu- und Altberliner zusammen ihr Bier an der Theke tranken oder Erdnüsse knabberten, die aus einer riesigen Tonne direkt bei den großen Fenstern kamen.

Doch dann lief im Juli vorigen Jahres der Mietvertrag aus. Das gesamte Haus wurde komplett saniert, und auch das Obst und Gemüse sollte ein neues Image erhalten. Davon hörte Celâl Kumur, ein Gastronom, der sich in Berlin einen Namen gemacht hat. Er ist Gestalter und Besitzer von vier Restaurants im Osten der Stadt: das mexikanische Restaurant Frida Kahlo, das deutsch-mediterrane Restaurant Fridas Schwester, das kalifornisch-panasiatische Restaurant Drei und die Sushi-Bar goko.

„Ich habe von Bekannten erfahren, dass das Obst und Gemüse zur Ausschreibung steht,“ sagt Celâl Kumur. „So bin ich in die Sache eigentlich zufällig reingestolpert.“ Der Gastronom bewarb sich mit einem Konzept, für das sich der neue Eigentümer des Hauses entschied: Lounge und Imbiss wurden unter ein Dach gebracht – das Obst und Gemüse mit dem angrenzenden Freßco vereint, der gemeinsame Name ist nun O & G.

„Die Zeiten ändern sich und ich will modern bleiben. Das drücke ich mit dem neuen Namen O & G aus“, sagt Kumur „aber gleichzeitig hat das für den Berliner einen Wiedererkennungswert.“ Und das der bei einem Lokal, das mal Kultstatus hatte, wichtig ist, weiß Celâl Kumur als langjähriger Gastronom. Schon während seines Studiums in den 80ern finanzierte Kumur seinen Unterhalt, indem er nebenher als Discjockey und Barmann jobbte. Zwar arbeitete er nach dem Mauerfall für einige Jahre in seinem Beruf als Bauingenieur im Brandenburger Umland, doch kehrte er letztendlich doch in die Gastronomie zurück. „Das hat mir mehr Spaß gemacht, weil mir der Kontakt zu den Menschen gefällt.“

Doch umsonst war das Studium nicht. Vielmehr hilft es dem 38-Jährigen, der in Ankara geboren wurde und seit dem fünften Lebensjahr in Berlin lebt, bei der Einrichtung seiner Lokale. „Ich bin generell Design-orientiert und möchte Akzente setzen“, sagt der Gastronom. Und so wich die dunkle Einrichtung des Obst und Gemüse einem hellen 70er-Jahre-Stil-Ambiente für das O & G. Der hintere Raum verströmt Wohnzimmeratmosphäre im Lounge-Stil mit dunklen Kunstledersitzen. Im vorderen Raum machen eine helle Theke, weiße Sitzgelegenheiten und geschickt beleuchtete Farbstreifen an den Wänden Lust auf Cocktails. In diesem Stil ist auch die Imbissbar nebenan gehalten.

Kurum wünscht sich, dass alles genauso locker wie früher sein soll, „weder zu schick, noch zu nobel, aber dafür modern“. So können sich die Gäste ihr Essen aus der Imbissbar bringen lassen oder wie früher selbst holen.

Mit normalen Preisen wie einem Caipirinha für sechs Euro, Frühstück für zwei bis sechs Euro und Latte Macchiato für zwei Euro fünfzig versucht Celâl Kurum, Berliner wieder zurück auf die Touristenmeile Oranienburger Straße zu locken. Und auch Modebegeisterte, die sich beim Anblick vom orange leuchtenden O & G umsonst auf neue Designerkleidung gefreut haben, müssen nicht verzweifeln. Schicke Kostüme passen ebenso in das neue Obst und Gemüse wie Jeans und T-Shirt.

Obst und Gemüse, Oranienburger Straße 48-49, Mitte, täglich ab 9 Uhr, open end .

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