Berlin : Vito Teixera-Goncalves (Geb. 1992)

"Ich muss da durch. Ich schaff' das!"

Ursula Engel

Laut ist Vitos Start ins Leben. Bauchschmerzen, der Junge schreit und schreit. Eine Irritation im Glück. Wenn der Vater sich den Säugling bäuchlings auf den Arm legt, den kleinen Kopf in der Hand, und mit ihm auf- und abläuft, wird Vito still. „Er war ein Papakind von Anfang an“, sagt die Mutter.

Der Vater, gelernter Koch, hat bei der Hochzeit seinen Meisterbrief und eine klare Lebensplanung: Er wird Ausbilder, damit die Wochenenden und Abende für die Familie frei sind. Die Familie trägt den Namen seiner portugiesischen Frau. Als Vito acht Monate alt ist und längst mit Schreien aufgehört hat, ziehen sie in eine größere Wohnung. Vito bekommt zwei Geschwister. Alles nach Plan.

Vito kommt in eine katholische Privatschule in Westend – und selbstverständlich in den Fußballverein. Mit 13 muss er seinen Kampfgeist erstmals anderswo beweisen als auf dem Spielfeld: Ausgerechnet dieser wilde Kerl, der nichts lieber tut als den Ball zu treten, hat eine Fehlbildung des Knies. Operationen, Trainingspausen, Physiotherapie. „Ich muss da durch. Ich schaff das!“ Nach jeder Auszeit findet er wieder in die Mannschaft zurück. Sein Vater ist stolz auf ihn.

In der Schule läuft es nicht so gut. Nach der Probezeit im Gymnasium wechselt Vito auf eine konfessionelle Realschule. „Ein Fehler“, sagt der Vater. „Die wollten aus ihm ein braves Mädchen machen. Aber er war ein Löwe, kein Duckmäuser.“ Ständig gibt es Ärger, schließlich einen Schulverweis und keine Schule, die ihn aufnehmen will. Auf Empfehlung kommt es zu einem Vorstellungsgespräch mit einer irritierten Direktorin. „Das ist ja ein netter Junge“, sagt sie und lässt den Schulvertrag aufsetzen.

„Dit sind endlich mal Typen, mit denen ick klarkomme“, sagt Vito über seine Mitschüler. Sie heißen Mehmet, Achmed, Fatima; in der Klasse herrschen klare Worte statt wohlmeinendem Hintenherum.

Zwei Wochen später, es ist ein Montag, hat Vito Kopfschmerzen. Dienstag, Mittwoch, die Schmerzen bleiben, werden schlimmer. Am Samstag bringt der Vater Vito ins Krankenhaus. Ein Hirntumor. Notoperation im Virchowklinikum. Vier Mal öffnen die Ärzte den Schädel. Der Tumor kann nicht komplett entfernt werden.

Die meisten Eltern mit kranken Kindern werden einsam. „Das war bei uns nicht so. Wir waren geschockt, verzweifelt, aber wir haben nichts verheimlicht“, sagt der Vater. Und Vito? Kein Jammern. „Als ich ihn nach acht Wochen nach Hause nehmen durfte, war er runter auf 47 Kilo. Mit der Trage haben die Pfleger ihn gebracht. Am nächsten Tag hat er sich den Jogginganzug angezogen, und wir sind joggen gegangen.“ Mit Trippelschritten läuft Vito neben dem Vater her und ist danach erschöpft und glücklich: „Ich merk’ meinen Körper wieder.“ Die Mütze, die die Narben auf der Glatze verstecken soll, trägt er nicht. Zwischen Operationen und Chemotherapie ist Vito zu Hause, auf seinem Lager im Wohnzimmer. Er ist dabei, wenn die Familie isst, fernsieht, lacht oder sich streitet. „Er war der Mittelpunkt, und er war der Stärkste von uns allen.“

Als er 17 wird, organisiert seine Freundin eine Überraschungsparty. Vito weiß: „Das ist mein letzter Geburtstag.“ Er spricht mit dem Vater, der jetzt rund um die Uhr für ihn da ist. Dass er keine Angst hat, sagt er, und dass der Vater keine haben muss. Seine Freundin liebt ihn, die Schul- und Fußballfreunde rufen an und besuchen ihn. „Keiner hat ihn hängen lassen“, sagt der Vater.

Schmal und klein sieht Vito aus im offenen Sarg, neben ihm ein Trikot und ein Fußball, neue Fußballschuhe, Stofftiere. Auch jetzt ist es nicht leise. Popmusik haben die Jugendlichen ihm mitgebracht und weiße Rosen. „Du warst der schrägste Typ, den ich je kennengelernt habe“, schreibt einer zu den anderen Sprüchen auf den Sargdeckel.

„Die Freunde, der Pfarrer, die Ordensschwester aus der Grundschule, die Ärzte, alle haben Vito und die Familie getragen und tun es noch. Wir sind immer noch eine Familie, wir haben zwei gesunde Kinder. Vito würde nicht wollen, dass wir aufgeben.“ Auf dem rechten Oberarm des Vaters ist ein frisches Tattoo: Dürers Betende Hände für Vito. Ursula Engel

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