Vivantes-Humboldt-Klinikum : Patienten erster Klasse

Mit Komfortstationen wirbt der landeseigene Krankenhauskonzern Vivantes verstärkt um zahlungskräftige Klientel. Nicht nur reiche Ausländer, auch Kassenversicherte sind bereit, für medizinische Versorgung im Hotelambiente draufzulegen.

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Auf der Komfortstation des Humboldt-Klinikums in Reinickendorf rollt der Betreiber Vivantes seinen Patienten den roten Teppich aus.
Auf der Komfortstation des Humboldt-Klinikums in Reinickendorf rollt der Betreiber Vivantes seinen Patienten den roten Teppich...Paul Zinken

Durch die hohen Fenster fällt viel Licht in den großen Speisesaal. Neben den breiten Sesseln liegen arabische Zeitungen auf den Tischen. Eine Familie aus dem Nahen Osten hat sich zum Kaffee zusammengesetzt. Bald ist Mittag, zehn Menüs stehen zur Auswahl. In den Zimmern gibt es Internet und Satellitenfernsehen, wer gebügelte Hemden oder einen Übersetzer wünscht, muss nur danach fragen.

Auf der Komfortstation des Vivantes-Humboldt-Klinikums in Reinickendorf arbeiten neben rund 100 Schwestern und Pflegern auch 25 Serviceangestellte. Vielleicht hat auch das dazu beigetragen, dass sogar Tänzerinnen des berühmten Moskauer Bolschoi-Theaters sich hier schon gesundpflegen ließen. Fest steht: Vivantes will mehr Wohlfühlmedizin anbieten. Vergangenes Jahr hat der landeseigene Konzern auch in seinem Spandauer Haus eine Komfortstation eingerichtet, demnächst werden im Schöneberger Auguste-Viktoria-Klinikum und im Krankenhaus Neukölln weitere Abteilungen eröffnet.

Das einstige Image der städtischen Krankenhäuser als Sanierungsfälle ist vergessen, der landeseigene Klinikkonzern wirbt um wellnessbewusste Zusatzversicherte und zahlungskräftige Patienten aus dem Ausland. Und Berlin, das sich als Gesundheitsmetropole vermarktet, will den Medizintourismus fördern. Jährlich kommen 3500 Patienten aus anderen Ländern in die Kliniken der Stadt. 1500 davon wollen zum Berliner Marktführer Vivantes, nicht mitgezählt sind Patienten aus der Europäischen Union, die nicht als Ausländer geführt werden.

Andreas Schmitt – Arzt, vor allem aber Manager für die Komfortkliniken – drückt es so aus: „Wir suchen uns anspruchsvolle Patienten und kaufen sie her!“ Allein in die 2011 eröffnete Spandauer Komfortstation mit ihren 53 Betten hat der Konzern 1,5 Millionen Euro investiert. Bislang flogen Genesung suchende Sultane eher nach Zürich, Wien oder München. Noch werden in Bayern fünfmal mehr Patienten aus dem Ausland behandelt als in Berlin. Die Berliner Klinikbetreiber stört das nicht. Schließlich gibt es auch Patienten wie Christian Dittrich. Der 56-Jährige ist kein Scheich aus Dubai, sondern Hausmeister aus Dessau. Wegen Herzrhythmusstörungen hat er eine Klinik gesucht. Bekannte haben ihm die Komfortstation empfohlen. Seine Privatversicherung bezahlt den Aufenthalt. „Das Personal ist nett, das Essen gut“, sagt Dittrich. Wäre er nicht so gut versichert, hätte er zugezahlt: „Das würde ich mir gönnen.“

Herzpatient Christian Dittrich aus Dessau weiß den Service der Komfortstation zu schätzen.
Herzpatient Christian Dittrich aus Dessau weiß den Service der Komfortstation zu schätzen.Paul Zinken

Zuzahlen müssen die gesetzlich Versicherten, rund 90 Prozent der Berliner, wenn sie eine Komfortbehandlung wollen. Viele schreckt auch das nicht. Von den rund 100 Krankenbetten der Reinickendorfer Komfortstation ist die Hälfte für gesetzlich Versicherte reserviert. Sie zahlen bis zu 145 Euro pro Tag für ein Einzelzimmer zu, 70 Euro für ein Zweibettzimmer. Die Versicherungen wiederum stellen fest, dass immer mehr Kassenpatienten eine Zusatzpolice abschließen, um den Komfort ohne Extrakosten wählen zu können.

Auch unter Beschäftigten gelten die Komfortstationen als angenehme Arbeitsplätze, berichten einige. Vom Pflegepersonal werden gute Englischkenntnisse erwartet. Stefanie Schlosser, seit 1994 Krankenschwester und nun auf der Reinickendorfer Komfortstation, erweitert gerade ihren Sprachschatz: „Aus Interesse lerne ich derzeit Arabisch.“

Doch nicht alle sehen im Hotelstandard für zahlungskräftige Patienten einen Segen. „Die Komfortstationen profitieren eher von den Kassenpatienten, nicht umgekehrt“, sagt der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Die gesetzlich Versicherten bezahlen mit ihren Beiträgen maßgeblich die Infrastruktur der Kliniken. Nur so seien die Ressourcen zu schaffen, mit denen Krankenhäuser ein Segment für zahlungskräftige Kundschaft ausgliedern können. „Reine Privatkliniken haben sich hierzulande bislang nämlich kaum rentiert“, sagt Lauterbach. Und obwohl die Masse an Kassenpatienten die Komfortstationen erst ermögliche, sei die Wahrscheinlichkeit, von einem Spezialisten versorgt zu werden, für zahlungskräftige Patienten größer. Davor warnt auch Berlins Patientenbeauftragte Karin Stötzner: „Solche Stationen dürfen nicht von denjenigen mitfinanziert werden, die ein Bett dort gar nicht bezahlen könnten.“

Auch Vivantes-Manager Schmitt gibt zu, dass sich 90 Prozent der Kassenpatienten die Komfortbetten wohl nicht leisten können. Dennoch müssten sie keine schlechtere Behandlung fürchten. Von der in der Komfortstation üblichen Chefarztbehandlung abgesehen, sei die Versorgung in der gesamten Klinik auf gleichem Niveau, auch wenn das einige bezweifeln. In der Branche wird die Entwicklung mit Neugier beobachtet: „Die gesamte Klinikkette kann vom guten Ruf der Stationen profitieren“, sagt ein Chefarzt. Besonders wohlhabende Russen würden sich in Berlin verstärkt nach guten Krankenhäusern umsehen.

Wie viel Geld die Komfortpatienten der Klinikkette bisher eingebracht haben, will Vivantes demnächst mitteilen. Die Rendite pro Bett sei jedenfalls höher als in anderen Stationen. Viele ausländische Patienten bleiben rund um eine OP insgesamt zehn Tage auf der Komfortstation. Schätzungen zufolge fallen inklusive Übersetzer und Sondereinkäufen bis zu 20 000 Euro für ein Komplettpaket an, also 2000 Euro pro Tag.

Dennoch halten sich andere Kliniken zurück, dem Vivantes-Beispiel zu folgen. Für die Schwesternschaft des Deutschen Roten Kreuzes, die in Berlin fünf Häuser betreibt, sei es keine „vordringliche Aufgabe“, ausgewählte Patienten aus der Ferne zu akquirieren, sondern die Menschen in der Region zu versorgen.

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