Berlin : „Vivantes muss noch mehr beim Personal sparen“

Konzernchef kündigt Gehaltskürzungen an und verlangt mehr Geld von den Kassen

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Der landeseigene Klinikkonzern Vivantes steckt in finanziellen Schwierigkeiten. In diesem Jahr wird der Geschäftsverlust weit höher ausfallen als geplant. Außerdem droht neues Ungemach: Laut dem jüngsten Urteil des Europäischen Gerichtshofes gilt der Bereitschaftsdienst von Klinikärzten als normal zu bezahlende Arbeitszeit. Die Folge: Die Krankenhäuser müssen zusätzliche Mediziner einstellen. Der Zeitplan für die Sanierung von Vivantes, in dem neun ehemals städtische Krankenhäuser zusammengeschlossen sind, gerät ins Wanken. Ingo Bach sprach mit Wolfgang Schäfer, Vorsitzender der Geschäftsführung von Vivantes, über die Gründe für die Probleme, über zusätzliche Sparmaßnahmen bei der Belegschaft und mehr Geld von den Krankenkassen.

Herr Schäfer, entsprechend Ihrer Unternehmensplanung sollte Vivantes im kommenden Jahr schwarze Zahlen schreiben. Ist dieses Ziel noch erreichbar?

Die Ergebnisse des Geschäftsverlaufes 2003 lassen befürchten, dass wir dieses ehrgeizige Ziel unter den gegebenen Rahmenbedingungen nicht erreichen werden.

Woran liegt es?

Wir haben in diesem Jahr allein bei den Personalkosten sechs Millionen Euro mehr ausgegeben als geplant, unter anderem wegen eines unerwartet hohen Tarifabschlusses. Auch im Sachkostenbereich liegen wir trotz erheblicher Absenkungen mit sechs Millionen Euro über dem Plan. Auch der verspätete Start unserer Tochtergesellschaft für Rehabilitation, die statt wie geplant im Januar erst jetzt an den Start gehen konnte, hat uns Geld gekostet: über 3,2 Millionen Euro. Insgesamt werden wir 2003 um die 28 Millionen Euro minus machen. Geplant waren nur 12,5 Millionen Euro.

Wo kann Vivantes noch zusätzlich sparen?

Wir stellen keinen unserer Standorte in Frage, weil das die Probleme von Vivantes eher verschärfen als lösen würde: Schon allein deshalb, weil wir weiter das Personal bezahlen müssten, ohne Einnahmen zu erwirtschaften. Aber wir werden Stationen zusammenlegen und auch schließen. Wir haben riesige Bereiche, die absolut unwirtschaftlich zu betreiben sind. So wird zum Beispiel das große Gebäude der Psychiatrie in Spandau, das eine Kapazität von 1000 Betten hat, gerade mal von 200 Patienten frequentiert. Da stehen die Kosten für den Unterhalt oder die Energieversorgung in keinem Verhältnis zum Nutzen. Vivantes hat eine Vielzahl solcher ungünstiger Bereiche.

Ihr Unternehmen beschäftigt derzeit 11 600 Mitarbeiter. Insgesamt sollen 2003 davon 600 Stellen gestrichen werden. Auch 2004 geht der Personalabbau weiter. Kann man in diesem Bereich noch mehr rausholen?

Unter den neuen Belastungen werden wir nicht darum herumkommen, unsere Unternehmensplanung auf den Prüfstand zu stellen, auch was die Personalkosten betrifft. Das Land Berlin ist aus dem Arbeitgeberverband ausgetreten und hat mit den Gewerkschaften eine zehnprozentige Gehaltskürzung bei gleichzeitiger Reduzierung der Arbeitszeit vereinbart. Wenn wir dies auch erreichen könnten, käme bei rund 562 Millionen Euro GesamtPersonalkosten bei Vivantes eine Sparsumme von über 56 Millionen Euro heraus – da sähe die Welt schon ganz anders aus. Wir haben unseren Arbeitgeberverband beauftragt, in diese Richtung mit den Gewerkschaften zu verhandeln.

Vivantes hat einen Kreditrahmen von 230 Millionen Euro, für den das Land Berlin bürgt. Dieser Rahmen ist fast ausgeschöpft. Braucht Vivantes frisches Geld?

Viele Annahmen aus der Zeit der Unternehmensgründung lassen sich nicht realisieren. So zum Beispiel der Verkauf nicht mehr benötigter Immobilien, der uns Millionen einbringen sollte. Der Kreditrahmen für 2003 reicht aus. Für den darüber hinausgehenden Zeitraum legen wir im Dezember eine neue Unternehmensplanung vor.

Durch das Urteil des Europäischen Gerichtshofes zur Arbeitszeit von Klinikärzten müssen die Krankenhäuser Mediziner einstellen. Als ersten Schritt hat Vivantes den geplanten Abbau von 70 Stellen im kommenden Jahr abgeblasen, was nach Expertenrechnung mindestens 3,5 Millionen Euro kostet. Wie wollen Sie diese ungeplanten Mehrkosten ausgleichen?

Wir wollen in allen Geschäftsfeldern Personalkosten sparen. Dabei geht es mir nicht um Köpfe, sondern um Kosten. Wie viele Ärzte wir für die Umsetzung des Urteiles benötigen, kann ich noch nicht sagen. Das hängt von vielen Faktoren ab. Eines aber ist klar: Wir werden mit den Krankenkassen verhandeln, so dass diese einen Anteil der Mehrkosten tragen. Denn diese Belastung war bei den Budgetverhandlungen, die uns eine jährliche Reduzierung des Budgets um 20 Millionen Euro abverlangen, nicht bekannt. Gäbe es diese Absenkung nicht, dann schriebe Vivantes schon 2003 schwarzen Zahlen.

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