Berlin : Vivantes startet neues Projekt gegen Kindesmisshandlung

Ärzte, Schwestern und Sozialarbeiter wollen gemeinsam handeln / Polizei wird nur geholt, wenn das Kind nicht anders geschützt werden kann

Hannes Heine

Woher kommen die blauen Flecken? Am Anfang ist es nur ein vager Verdacht, denn wenn Kinder Blutergüsse haben, kann das auch an einer Blutgerinnungsstörung liegen. In einigen Fällen jedoch ist das Kind geschlagen worden. Die Polizei zählte im vergangenen Jahr allein in Berlin fast 500 angezeigte Kindesmisshandlungen und 314 Fälle von Vernachlässigungen. Die Dunkelziffer ist nach Angaben von Experten mit jährlich zehntausenden Fällen jedoch deutlich höher – und das seit Jahren konstant. Allein im vergangenen Jahr sind dabei laut „Deutsche Kinderhilfe Direkt“ mehr als 700 Berliner Kinder schwer verletzt worden.

Das Vivantes-Klinikum Neukölln hat nun eine interdisziplinäre Kinderschutzgruppe gegründet, die klären soll, ob bei einem Verdacht tatsächlich häusliche Gewalt zugrunde liegt. In dem berlinweit einzigartigen Projekt arbeiten Kinderärzte, Psychologen, Sozialarbeiter und Krankenschwestern zusammen. Die 14 Kollegen der Gruppe sollen immer dann gerufen werden, wenn Entwicklungszustand, Verletzungen oder der Umgang der Eltern mit dem eigenen Nachwuchs, den Verdacht nahelegen, dass hier ein Kind misshandelt worden ist. „Wir treffen uns wöchentlich, um aktuelle Fälle zu besprechen“, sagt der Direktor der Klinik für Kinderchirurgie, Bernd Tillig. Im Zweifelsfall wenden sich Tillig und seine Mitarbeiter an Experten aus anderen Fachbereichen, etwa um die Ursache von unbekannten Verletzungen zu erörtern.

Misshandelten Kindern wolle man zunächst sowohl stationär als auch ambulant helfen. Dann versuche die Kinderschutzgruppe, ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Eltern aufzubauen. Viele Mütter und Väter wüssten nämlich, dass sie mit dem eigenen Nachwuchs überfordert sind – trauten sich aus Angst vor strafrechtlichen Konsequenzen aber nicht, Hilfe zu holen. „Wir kooperieren mit den Jugendämtern“, sagt Tillig. Doch nur, wenn seine Kollegen keine andere Möglichkeit mehr sähen, ein Kind zu schützen, werde die Polizei gerufen. „Bei uns gilt: Hilfe geht vor Strafe.“

Im Klinikum Neukölln werden Kinder aus der ganzen Stadt behandelt: Jährlich gibt es mehr als 10 000 stationäre Behandlungsfälle. Bisher habe es ungefähr zehn begründete Verdachtsfälle auf Kindesmisshandlung im Jahr gegeben. Aufgrund der Erfahrungen ähnlicher Arbeitsgruppen in Österreich, glaubt Tillig, dass es doppelt so viele werden könnten.

Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (Linkspartei/PDS) sagte indes, in der Vergangenheit hätten Experten zu wenig miteinander kooperiert. Deshalb sei eine bessere Zusammenarbeit verschiedener Stellen (siehe Kasten) geplant.

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