Vivantes : Vertraglich gebunden

Der Vivantes-Krankenhauskonzern bezahlt Berliner Urologen für die Betreuung der an sie überwiesenen Patienten. Kritiker nennen das "Patientenkauf".

Moritz Honert

Ein Krankenhaus bezahlt niedergelassenen Ärzten Geld für die Vor- und Nachsorge der an sie überwiesenen Kranken – ist das Patientenkauf? Als solchen bezeichnen Kritiker einen 2005 geschlossenen Kooperationsvertrag zwischen dem Vivantes-Klinikkonzern und der Urologengenossenschaft, der 101 der rund 120 in Berlin niedergelassenen Fachkollegen angehören. Nach diesem Vertrag erhalten die Urologen für die Betreuung eines an das Schöneberger Auguste-Viktoria-Klinikum oder das Klinikum im Friedrichshain – beide gehören zu Vivantes – überwiesenen Patienten ein Honorar. Insider sprechen von 250 Euro. Beide Vertragsparteien wollen diesen Betrag weder bestätigen noch dementieren.

Klaus Söffker, Vorsitzender der Genossenschaft, wehrt sich gegen den Vorwurf des Patientenkaufs. „Unser Ziel ist die bestmögliche Versorgung der Patienten“, sagt er. In Berlin gebe es derzeit 13 urologische Abteilungen, doch viele Häuser seien momentan nicht ausgelastet. Gute Qualität bei Prostataentfernungen aber, für die die Patienten in die Krankenhäuser überwiesen werden, sei an hohe Fallzahlen gekoppelt. Die Genossenschaft trete deshalb für eine Bündelung der jährlich rund 1800 in der Stadt durchgeführten Prostatakrebsoperationen an den zwei Standorten ein, von denen eine interne Untersuchung ergeben habe, dass sie sowohl in der Gunst der Ärzte als auch bei Patienten gut abschnitten.

Um das durch die höheren Fallzahlen größere Arbeitsaufkommen in den Vivantes-Häusern aufzufangen, würden Vor- und Nachsorgeuntersuchungen durch die niedergelassenen Ärzte übernommen. Dass sie dafür bezahlt würden, wäre nur normal.

Genauso sieht das auch Eberhard Thombansen, Bereichsleiter Neue Versorgungsformen bei Vivantes. 2004 wurden im Auguste-Viktoria-Klinikum jährlich rund 70 Prostataentfernungen durchgeführt. Inzwischen hat sich die Zahl der Operationen auf rund 260 vervierfacht. „Die Ärzte übernehmen für uns die Aufklärung der Patienten, Vor- und Nachuntersuchungen sowie eine standardisierte Dokumentation“, sagt Thombansen. Das gehe über die üblichen Leistungen hinaus.

Kritiker widersprechen. „Die von den niedergelassenen Ärzten durchgeführten Untersuchungen sind Standardaufgaben“, sagt ein an einem Berliner Krankenhaus operierender Urologe, der anonym bleiben möchte. „Worum es hier geht, ist nicht Qualitätssicherung, sondern allein Geld.“ Er fürchtet, dass die zusätzliche Bezahlung der Fachärzte ihre Krankenhausentscheidung beeinflusse.

Die Kliniken hätten natürlich ein großes Interesse daran, viele der mit bis zu mehr als 8000 Euro vergüteten Eingriffe durchzuführen. Das Resultat der Vereinbarung sei nun, dass einige Kliniken einen teils heftigen Patientenrückgang verzeichneten. Damit greife die Genossenschaft in die Krankenhausplanung ein.

„Formal ist gegen das Abkommen wahrscheinlich nichts einzuwenden“, sagt Karin Stötzner, Patientenbeauftrage des Landes Berlin. Verträge zur integrierten Versorgung, die den Behandlungsablauf regeln, wären ähnlich aufgebaut. „Aus Patientensicht bleibt aber ein ungutes Gefühl“, sagt Stötzner – auch wenn es gut sei, dass die Urologen ihren Patienten die bestmögliche Versorgung sichern wollten. Doch die Verträge müssten transparenter gestaltet werden. Dazu gehöre auch zu fixieren, welche Qualitätskriterien die Kliniken außer der Fallzahl noch erfüllen müssten. Dann hätte auch ein anderes Krankenhaus die Möglichkeit, sich im Wettbewerb zu positionieren.

Diese Kriterien gebe es bereits, sagt Thombansen. Zum Beispiel eine geringere Rate von Inkontinenz und Impotenz nach der Operation. Ob seit der Einführung des Abkommens in seinem Hause die Qualität der Behandlung gesteigert wurde, konnte er allerdings nicht sagen. Die Daten wären noch nicht ausgewertet. Dies war allerdings auch schon der Stand vor einem Jahr. Moritz Honert

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