Berlin : Vivienne Westwood: Ich bin die Beste

Susanna Nieder

Vivienne Westwood ist schwer einzuordnen. Mit ihren eierdottergelben Locken wirkt sie bei der alljährlichen Präsentation ihrer Modeklasse mitunter fast bieder. Ihr Auftreten vor der Presse ist eher schüchtern, wie im Sommer 1999, als sie die Verlängerung ihres Vertrags als Professorin an der Hochschule der Künste (HdK) bekannt gab.

Das scheint so gar nicht zu der Frau zu passen, die 1992 nach der Verleihung des "Order of the British Empire" vor der versammelten Presseschar am Buckingham Palast den Rock hob, damit alle sahen, dass sie keine Unterwäsche trug. Die in den siebziger Jahren den Punks ihre aggressiven Monturen verpasste und sich gelegentlich ohne falsche Bescheidenheit über ihre eigene Arbeit äußert: "Ich bin die beste Modeschöpferin der Welt. Ich spreche es ungern aus, aber ich bin die Beste." Boulevard Berlin:
Was die Stadt bewegt... "Vivienne Westwood wird oft verzerrt dargestellt", sagt ihr langjähriger Assistent Jürgen Frisch, der sie vermutlich besser einschätzen kann als irgendjemand sonst in Berlin. "Sie ist realistisch, bodenständig, eine ernsthafte, gründliche Arbeiterin." Der wandelnde Beweis dafür, dass es auch für den großen Erfolg nicht nötig sei, abgedreht oder skrupellos zu sein. Die meisten, die das Studium bei Westwood durchgezogen und nicht vor ihrer erbarmungslosen Kritik das Weite gesucht haben, schwören auf sie. "Dass ich heute von mir sagen kann, ich bin eine gute Gestalterin, habe ich zum großen Teil ihr zu verdanken", sagt Doris Menzel. Vor fast zehn Jahren ging sie als aufgeregte HdK-Studentin bei den Pariser Prêt-à-porter-Schauen hinter die Bühne und fragte die heftig bewunderte Modeschöpferin einfach, ob sie nicht Professorin in Berlin werden wolle. Und eines können auch Westwood-Gegner nicht abstreiten: Die Mode-Diaspora Berlin hat von ihrer Präsenz sehr profitiert.

Zum einen ist sie die einzige Modeschöpferin von Weltrang, die sich hier regelmäßig persönlich zeigt. Auch wenn sie nicht mehr als drei Tage pro Monat nach Berlin kommt, die Jahrepräsentationen der Westwood-Klasse sind ein medienträchtiges Ereignis. Zum anderen sind manche ihrer Absolventen dabei, sich einen Namen zu machen. Maren Lass und Hans-Georg Krampe gehören mit ihrem Label "Werkmeister" fraglos zu den spannendsten jungen Modemachern in Berlin. Jürgen Frisch und seine Partnerin Ulrike Dorn haben den Hauptsitz ihrer Firma wegen Westwood nach Berlin verlegt und sind unter dem Namen "Frisch" bereits jetzt international erfolgreich, Tendenz steigend. Doris Menzel trat vor zweieinhalb Jahren die Nachfolge des belgischen enfant terrible Walter van Beirendonck beim renommierten Jeanslabel W & LT an.

Auch den oft gehörten Vorwurf, Vivienne Westwood lasse ihren Schülern so wenig Freiheit, dass sämtliche Abschlussarbeiten wie Kopien ihres eigenen Stils wirkten, wollen ihre Absolventen nicht gelten lassen. "Klar erkennt man den Westwood-Stil", sagt Regina Tiedeken, die im Herbst mit ihrer ehemaligen Kommilitonin Friederike von Wedel-Parlow die Assistentenstelle von Jürgen Frisch übernimmt. "Das ist bei den Schülern von Künstlern wie Georg Baselitz oder Rebecca Horn nicht anders." Durch das Studium von Kostümgeschichte und Malerei bekomme man einen gewaltigen Reichtum an Möglichkeiten, und das Maximum an Qualität, zu der Westwood ihre Studenten zwingt, erweitere die eigene Schaffenskraft. "Frisch" mit ihrem ironischen Understatement, die eigenwilligen Unikate von "Werkmeister" und Doris Menzel, die in die Industrie gegangen ist, beweisen jedenfalls, dass sich nach der Diplomarbeit ganz unterschiedliche Stile entwickeln können.

Vivienne Westwood ist unabhängig von ihrem Alter immer nah am Puls der Zeit. Als sie mit den zerissenen Klamotten und stacheligen Frisuren der 20-jährigen "Sex Pistols" den Punk-Look lostrat, war sie selbst schon Mitte Dreißig. Ihr Stil hat sich seither komplett gewandelt, doch sie gilt nach wie vor als eine der meistkopierten Modeschöpferinnen der Welt. Ihr Jungbrunnen ist der Ideenreichtum vergangener Epochen, und der dürfte so bald nicht versiegen. Kaum zu glauben, dass sie heute sechzig wird.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar