Vogelgrippe : Hühner einsperren, Kalk streuen, Gäste ausladen

Der erste Vogelgrippe-Fall Berlins hat das Leben der Menschen in Biesdorf und Umgebung verändert. Ein Besuch im Sperrgebiet.

Der Tagesspiegel - Karl-Heinz Minnecker aus Biesdorf ist stolz auf die bunten Eier im Karton. "Die dunkelbraunen sind von französischen Hühnern, die lindgrünen von den chilenischen." Sein Geflügel ist längst im Stall untergebracht - und seitdem seinen Nachbarn auf dem Grundstück gegenüber am Dillinger Weg ein an Vogelgrippe gestorbener Bussard auf die Terrasse gefallen ist, streut Minnecker Kalk im Garten - zur Desinfektion. Seinen Besuch haben seine Frau und er ausgeladen, damit niemand etwas einschleppt. "Ich bin vorsichtig wie ein Wolf, damit mir keiner die Tiere keult." Grund zur Panik gibt es nach Ansicht des Hobby-Züchters trotz des ersten Falls von Geflügelpest in Berlin nicht. Wie andere Züchter steht er mit dem Amtstierarzt in Kontakt.

Tag eins nach der Nachricht - ein Besuch in der Sperrzone drei Kilometer um den Fundort herum und im Beobachtungsgebiet im Zehn-Kilometer-Kreis. Die am Freitag aufgestellten Warnschilder muss man im sonnabendlichen Einkaufstreiben suchen. Über die Ausfallstraße Blumberger Damm geht es zur kleinen Siedlung nahe dem Unfallklinikum Berlin. "Als hier so ein Trubel war, dachten wir, da kommt eine Demonstration", sagt Nachbar Günter Süß. Das waren aber Presse und Polizei. Auch Süß hat bisher keine Angst, "wenn hier ein Massensterben wie auf Rügen einsetzen würde, wäre das was anderes", sagt der Mann in seinem Garten.

Baileys gehört zu denjenigen, die unter dem H5N1-Fall derzeit am meisten leiden. Der chinesische Faltenhund muss wie alle Hunde in der Sperrzone an die Leine - Katzen dürfen nicht aus dem Haus. "Er steckt ja gern seine Nase überall rein, deshalb leine ich ihn jetzt an", sagt seine 21-jährige Besitzerin.

Zehn Kilometer weiter westlich ist die Stimmung trüber. Der Zaun zum Kinderbauernhof Görlitzer Park ist mit Schnur verschlossen. "Die Amtstierärztin hat uns gesagt, wir sollen den Besucherverkehr lieber einschränken, darum haben wir das Frühlingsfest abgesagt", sagt Erzieherin Camilla Nilson. Die Stammbesucherkinder durften aber rein, spielen im Blockhaus Karten. Weil der ätzende Inhalt der Seuchenwanne an den Schuhen den anderen Tieren schaden würde, werden die Bauernhof-Leute ihre Gänse, Enten und Hühner wohl vorübergehend weggeben.

Im Tierpark, der wegen der Nähe zu Biesdorf "Beobachtungsgebiet" ist, wird die Kassiererin am Eingang öfters auf die Sorge vor der Vogelgrippe angesprochen. "Keine Gefahr, wir haben alles im Griff", sagt sie dann. Direktor Bernhard Blaszkiewitz betont beim Rundgang: "Unsere Vögel sind gesund." Es gebe keinen Anlass zur Sorge. Die Besucher, viele mit Kindern, laufen unbekümmert zwischen den Pfauen herum. "Ich habe doch keine Angst", sagt Annegret Parsche, "Angst habe ich nur vor Epidemien". Am Mittag werden nach der Winterpause die Papageien in die Freiluftvoliere entlassen.

Unterdessen erfreuen sich die Vogelgrippe-Warnschilder an den Straßen ungewöhnlicher Beliebtheit - gut 100 Stück sollen bereits gestohlen worden sein. (Von Annette Kögel und Christian van Lessen)

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