Vogelspinnen in Berlin : Ich glaub', ich spinne

„99 Prozent der Zeit machen Vogelspinnen nichts“, sagt Martin Schmidt, der deshalb gleich ein paar Dutzend hält. Ein Erfahrungsbericht über ein dennoch filmreifes Heimtier und seine großen Auftritte.

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Krausi, Filmstar. Brachypelma albopilosum, auch Kraushaarvogelspinne genannt, hat im Dezember in einem studentischen Abschlussfilm mitgewirkt.
Krausi, Filmstar. Brachypelma albopilosum, auch Kraushaarvogelspinne genannt, hat im Dezember in einem studentischen Abschlussfilm...ari

Da liegt sie ungerührt und unbeeindruckt im Sand vor der Korkrinde, als wäre nie etwas gewesen, als würde auch nichts mehr kommen. Die Ruhe selbst. Keins ihrer acht Beine rührt sich auch nur einen Millimeter, als ihr eine Taschenlampe auf den Pelz leuchtet. Oder ist ihr das Scheinwerferlicht inzwischen gerade recht?

Sie war nämlich im vergangenen Monat Titelheldin einer Filmproduktion, der Abschlussarbeit von Studenten der Beuth-Hochschule. Wurde durch halb Berlin gefahren, in einer Plattenbauwohnung kurz in ihre Rolle eingewiesen, dann ging es los.

Krausi, wie das Filmteam sie nannte, sollte unter ein Bett rennen, dort verharren, den Mieter in Panik versetzen und damit eine Kaskade menschlicher wie zwischenmenschlicher Fehlreaktionen auslösen. Sie tat, wie ihr geheißen. Danach sollte sie noch vor der Haustür aus einem Glas heraus in die Freiheit laufen. Die Filmleute bohrten ein Loch ins Glas und pusteten sie von hinten an, ein sicherer Weg, sie und ihre Artgenossen in Gang zu bringen.

Krausi war der Gehweg zu kalt, da wurde er warmgefönt

Aber als Tropenliebhaberin zierte sie sich. Die Zugluft war ihr angenehmer als die Eiseskälte draußen. Also wärmten die Filmleute den gefrorenen Gehweg mit Fön und Kameralampen an, und irgendwann ist Krausi tatsächlich rausgekommen. Ein paar Sekunden nur. Aber die haben gereicht als Schlussszene.

Szene mit Spinne. Schauspieler Benedikt Zeitler war zunächst skeptischer seiner Filmpartnerin gegenüber, dann aber schnell versöhnt.
Szene mit Spinne. Schauspieler Benedikt Zeitler war zunächst skeptischer seiner Filmpartnerin gegenüber, dann aber schnell...Benjamin Lindner

Pflegeleicht und nett, trotz ihres irritierenden Äußeren, fand Regisseur Benjamin Lindner seine Titelheldin. Im ganzen Projekt sei Krausi „das geringste Problem“ gewesen, sagt er und würde jederzeit wieder mit ihr oder ihresgleichen drehen.

Krausi ist nicht ihr richtiger Name. Der lautet Brachypelma albopilosum. Und anders würde ihr Besitzer Martin Schmidt sie nie nennen. Spinnenfreude sind auch Freunde lateinischer Originalbezeichungen, was die Unterhaltung mit Fachfremden verkompliziert und Ausweis einer distanzierten Haltung zur Kreatur ist

Seit "Mörderspinnen" von 1977 sind sie beliebt im Horror-Genre

Als einer ihrer Vorzüge wird beispielsweise gerne ihre Anspruchslosigkeit genannt, man könne problemlos drei Wochen Urlaub machen, ohne für viel Ersatzpflege sorgen zu müssen. Vielleicht auch dieser emotionalen Beziehungslosigkeit wegen haben überhaupt nur wenige Spinnen populäre Namen. Brachypelma albopilosum ist immerhin eine davon, Kraushaarvogelspinne, daher Krausi. Schmidt, 43, ein sportlicher Ingenieur, zuckt die Achseln, als wollte er sagen: Filmleute sind schon komische Vögel! Was sicher noch mehr Menschen über ihn selbst sagen würden: einen Vogelspinnenhalter!

Vogelspinnen, das sind die großen haarigen Ekelpakete mit scharfen Klauen am Kiefer, vor denen Menschen im Film schreiend davonlaufen, in grauer Vorzeit schon: siehe „Mörderspinnen“, USA 1977 mit William Shatner, später Captain Kirk, und bis heute: siehe „Die Spinne“, studentischer Abschlussfilm mit Benedikt Zeitler („Drehen wir etwa mit einer echten Spinne?!?!“), Berlin 2015.

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