Volker Kutscher und die Folgen : Kommissar Gereon Rath als Comicfigur

Erst Romane, bald eine Serie und nun der Comic „Der nasse Fisch“: Ein zugezogener Ermittler wird ins schwarz-weiß gezeichnete Berlin der 1920er versetzt.

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Auch der noch intakte Anhalter Bahnhof taucht in der Comicbuch-Umsetzung von Arne Jysch auf.
Auch der noch intakte Anhalter Bahnhof taucht in der Comicbuch-Umsetzung von Arne Jysch auf.Illustration: Arne Jysch

Er kommt gut rüber in Schwarz-Weiß. Gereon Rath, Kommissar der Berliner Kriminalpolizei, ist vom Roman- zum Comic-Helden geworden und hat dabei nicht verloren. Arne Jysch hat zusammen mit dem Zeichner Bernd Gottschalk die Geschichte des charmanten und etwas korrupten Polizisten in Texte und Bilder übersetzt, die das Berlin von 1929 wiederauferstehen lassen. Da ist der Comic auf seine Weise so gut wie der Roman von Volker Kutscher, in dem Gereon Rath seinen ersten Auftritt hatte.

„Der nasse Fisch“ hieß das Debüt einer Figur, mit der dem Kölner Autor Kutscher etwas unerwartet Großes gelungen war. Kutscher will in verschiedenen Kapiteln und an mehreren Fällen seines Kommissars entlang erzählen, wie die Weimarer Republik unterging und durch das Nazi-Regime ersetzt wurde. An einem Polizistenleben lässt sich das besonders intensiv schildern, weil die Berliner Polizei schon 1929 politisch eingesetzt und immer weiter in die Krise hineingezogen wurde.

Kutscher ist in seinen Romanen inzwischen bei Raths sechstem Fall angekommen, „Lunapark“, der im Jahr 1934 angesiedelt und randvoll ist mit den Schwierigkeiten, die ein sich eher unpolitisch verstehender Kommissar mit einem Regime bekommt, das einen demokratischen Staat unterwandert, zerfrisst und zerstört. Kein Wunder, dass Gereon Rath bald auch als Filmheld Premiere haben wird: in der unter anderem von Tom Tykwer gedrehten Serie „Babylon Berlin“, die noch 2017 auf Sky und 2018 im ersten Programm zu sehen sein soll.

Im Roman von Volker Kutscher hatte Gereon Rath seinen ersten Auftritt.
Im Roman von Volker Kutscher hatte Gereon Rath seinen ersten Auftritt.Foto: Thilo Rückeis

Der Comic „Der nasse Fisch“ lässt den Anfang vom Ende der Weimarer Republik schon erahnen. Straßenschlachten zwischen Polizisten und kommunistisch organisierten Arbeitern führten zu einem Blutbad. Arne Jysch fasst es in zwei Bildern zusammen. Eins zeigt ein gepanzertes Polizeifahrzeug und einen Polizisten, der auf das Fenster eines Miethauses feuert. Das andere Bild zeigt eine Straßenszene: der Panzerwagen in einer Straße, die nach Wedding oder Neukölln aussieht, aus einem Fenster weht eine zerfetzte rote Fahne. „Hysterie ... Hysterie war der einzige Begriff, der mir dazu einfiel“, liest man. „In drei Tagen wurden 33 Zivilisten getötet und 198 verletzt. Dazu kamen 47 verwundete Polizisten.“

Arne Jysch transportiert mit solchen Bildtexten sozusagen das Hintergrundwissen, nicht allein zum Zeitgeschehen, sondern zu Raths Plänen, Überlegungen und Gedanken. Die Geschichte vom „nassen Fisch“ ist zu komplex, um sie in Sprechblasen und Dialogen zu erzählen. Volker Kutscher hat 2008 weit über 500 Seiten gebraucht, um Rath seinen ersten Fall lösen zu lassen. Anfangs arbeitete er noch bei der Sittenpolizei und ist eine Art Kölner Exilant, der die Stadt am Rhein und deren Polizei verlassen musste, weil er jemanden erschossen hatte und damit einen Skandal verursachte. Berlin 1929 – das war, wie Rath schnell erkannte, eine Stadt, in der alles ging und alles möglich war, von der rechten Verschwörung alter Frontkämpfer bis zur Porno-Produktion mit Hilfe russischer Exilanten.

Arne Jysch schuf aus dem Kutscher-Roman "Der nasse Fisch" einen Comic.
Arne Jysch schuf aus dem Kutscher-Roman "Der nasse Fisch" einen Comic.Foto: Promo

Raths erster Erfolg ist die Sprengung eines Porno-Rings, und Arne Jyschs Inszenierung der Aktion zeigt, dass ihm Action wichtiger ist als explizite Bilder. Rath ist in Volker Kutschers Romanen in Lokalen und Spelunken unterwegs, die die Leserfantasien intensiv beanspruchen – Arne Jysch nimmt die Härte aus diesen Situationen, er zeichnet sie mit Sinn für geschichtliche und Ausstattungsdetails, aber im Zweifel jugendfrei.

Auch so nimmt einen Gereon Raths erster Comic-Fall gehörig mit. Die erfolgreiche Porno-Ermittlung wird zum Karriereschritt. Als Mordermittler findet er Zugang zur Subkultur der Exilrussen in Berlin. Rath hat Hinweise auf einen Goldschmuggel, mit dem eine russische Adlige versuchte, das Familienvermögen nach Deutschland, in die vermeintliche Sicherheit zu bringen.

Eine komplizierte Geschichte, die schon im Roman genaues Lesen erforderlich machte. Im Comic verlangt sie genaues Hinschauen. Was allerdings Freude macht. Arne Jysch inszeniert seinen Gereon Rath im Stil eines amerikanischen FBI-Mannes der 50er Jahre: kantiges Gesicht, einen Hang zum Brandy, die rechte Faust von nachhaltiger Schlagkraft. Und Jysch mag das alte Berlin, vom Polizeipräsidium am Alex bis zum weitläufigen Güterbahnhof-Gelände. Gereon Rath lebt auch im Comic.

Arne Jysch stellt sein Buch am 6. April im ehemaligen Stummfilmkino Delphi, Gustav-Adolf-Straße 2, Weißensee, vor.

Beginn ist um 20 Uhr.

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