• Volksbegehren für Flughafen in Berlin: Soll Tegel wirklich offen bleiben? Der Faktencheck

Volksbegehren für Flughafen in Berlin : Soll Tegel wirklich offen bleiben? Der Faktencheck

Der BER öffnet und Tegel macht trotzdem nicht dicht - wäre das sinnvoll? Ein entsprechendes Volksbegehren ist gestartet. Die Thesen sind kernig, nicht alles ist aber ganz so einfach. Der Faktencheck.

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Der Flughafen Berlin-Tegel
Der Flughafen Berlin-TegelFoto: dpa

Muss man Tegel wirklich schließen? Am Dienstag wurde ein Volksbegehren gestartet, um den Flughafen „dauerhaft“ in Betrieb zu lassen, selbst wenn irgendwann der BER irgendwann einmal fertig wird. Initiatoren sind der Verein Pro Tegel e.V. und die Berliner Liberalen, vorneweg: Sebastian Czaja, FDP-Generalsekretär des Landesverbandes und Bruder des Sozialsenators. Die Berliner Bürger müssten entscheiden, ob sie Tegel als Verkehrsflughafen dauerhaft erhalten wollen. Aber ginge das? Unser Faktencheck.

Das sagt die Initiative: „Der Flughafen Berlin-Tegel „Otto Lilienthal“ ergänzt und entlastet den Flughafen Berlin Brandenburg „Willy Brandt“ (BER). Der Senat wird aufgefordert, sofort die Schließungsabsichten aufzugeben und alle Maßnahmen einzuleiten, die erforderlich sind, um den unbefristeten Fortbetrieb des Flughafens Tegel als Verkehrsflughafen zu sichern!“

Das ist Fakt: Der amtliche Schließungsbeschluss für Tegel liegt vor – er ist aktuell nur wegen der Verzögerungen beim BER aufgeschoben. Um Tegel als Passagierflughafen weiter zu betreiben, müsste ein neues Genehmigungsverfahren gestartet werden. Für einen innerstädtischen Flughafen dürfte dies ziemlich aussichtslos sein. Es wäre zumindest riskant.

Sollte man es versuchen, müsste auch zwingend die gemeinsame Landesplanung für Berlin und Brandenburg geändert werden, die bislang den BER als künftigen Single-Airport der Hauptstadtregion festschreibt. Im Planfeststellungsverfahren war die Entlastung Berlins von Fluglärm ein Hauptargument. Am Netz könnte Tegel bleiben, wenn er weiter militärisch genutzt würde – wozu auch die Flüge der Bundesregierung zählen. Dann wäre es auch möglich, dem zivilen Verkehr „Gastrechte“ einzuräumen – etwa für Geschäftsflieger.

Das sagt die Initiative: BER ist zu klein.

Das ist Fakt: Die Aussage stimmt. Wenn der neue Flughafen in Schönefeld 2017 ans Netz geht, wird er 23 Millionen Passagiere abfertigen können, also nicht mehr als Tegel heute. Berlin, wo die Passagierzahlen Jahr für Jahr steigen, erwartet 2017 aber bereits 33 Millionen Passagiere. Um diese überhaupt zu bewältigen, setzen die Verantwortlichen auf Provisorien.

Der alte DDR-Flughafen in Schönefeld soll – parallel zum BER – bis 2023 weiter genutzt werden. Zudem wird ein neues, aber günstiges Terminal neben dem BER-Nordpier errichtet. Es wäre denkbar, Tegel zwar nicht dauerhaft, aber einige Jahre zur BER-Entlastung länger offen zu lassen, um in dieser Zeit den neuen Hauptstadtairport statt mit Provisorien gleich richtig zu erweitern. 

Diese Variante hat niemand ernsthaft geprüft. Eine Analyse zu rechtlichen und finanziellen Auswirkungen und Risiken eines befristeten Offenhaltens von Tegel für eine Übergangszeit gibt es nicht.

Das sagt die Initiative: Zwei Flughäfen verteilen die Last des Zubringerverkehrs. (...) Die einseitige Belastung des Ostens durch den BER könnte den Verkehrskollaps der Stadt bedeuten.

Das ist Fakt: Ja, zwei Flughäfen teilen die Last – bei nur einem ist sie somit auch höher. Die Planer erwarten, dass rund die Hälfte der BER-Passagiere und der Beschäftigten mit Bahnen und Bussen zum Flughafen fahren werden. Kommt die andere Hälfte mit dem Auto wird es auf der Autobahn A 113, die schon heute staulastig ist, noch voller werden. Anders als in Tegel, wo nur BVG-Busse hinfahren, gibt es zum BER aber weitere Verbindungen. Auf der Schiene soll der Airport-Express alle 15 Minuten zwischen dem Zentrum und dem BER fahren. Hinzu kommt die S-Bahn, die im Zehn-Minuten-Takt fahren wird. Die BVG will vom U-Bahnhof Rudow, der derzeit umgebaut wird, alle fünf Minuten Busse zum BER schicken.

Das sagt die Initiative: Alle Metropolen der Welt haben mehr als einen Flughafen, um in Notfällen in kurzer Entfernung einen Ausweichflughafen zu haben.

Das ist Fakt: Jein, stimmt nicht immer. Für die Abwägung, dass es nur einen Flughafen Berlin-Brandenburg geben soll, gab der Lärmschutz den Ausschlag. Die Ausweichflughäfen des Airports BER wären künftig etwa die Städte Leipzig, Hannover oder Rostock.

Das sagt die Initiave: Tegel macht Gewinn.

Das ist Fakt: Ja, das stimmt, aber er macht eben auch Gewinn als Verkehrsflughafen im Vollastbetrieb. Ob sich zwei parallele Flughäfen – also doppelter Aufwand – für die Flughafengesellschaft wirklich rechnen, ist zweifelhaft. Ohne Lufthansa und Air Berlin wäre auch Tegel nach Expertenmeinung ein Zuschussbetrieb. Bliebe Tegel langfristig offen, hätten nach EU-Recht auch die dortigen Anwohner Anspruch auf Schallschutz ihrer Wohnungen. Ein Vergleich: Für elftausend Haushalte am BER kostet der 660 Millionen Euro. Für Tegel wäre das Doppelte bis dreifache nötig.

Die Initiative mit Sitz in Mitte organisiert sich im Netz unter der Internetadresse www.berlin-braucht-tegel.de. Auch auf Facebook ist sie zu finden. Telefon: (030) 27 89 59-0.

Lesen Sie hier ein Interview mit Initiator Sebastian Czaja: "BER und Tegel sind ein Muss für Berlin"

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