Volksbühne Berlin : Das "Räuberrad" blieb standhaft

Vor der Volksbühne sollte die berühmte Rad-Skulptur abgebaut werden, um nach Avignon zu reisen. Der erste Versuch misslang.

Abbau mit Hindernissen. Das "Räuberrad" an der Volksbühne bewies Standhaftigkeit.
Abbau mit Hindernissen. Das "Räuberrad" an der Volksbühne bewies Standhaftigkeit.Foto: Davids/Boillot

Dem Publikum der Castorf-Inszenierung „Die Kabale der Scheinheiligen“ am Mittwoch in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz in Mitte stand die größte Überraschung des Abends erst nach der Vorstellung bevor. Als sie kurz vor 19 Uhr dem Theaterbau zustrebten, konnte ihr Blick noch wehmütig über das „Räuberrad“ vor dem Theater, Wahrzeichen der am kommenden Wochenende endenden Castorf-Ära, streifen. Als sie das Gebäude Stunden später verließen, stand die Skulptur zwar noch, aber überraschend hatten die Abbauarbeiten an diesem Symbol begonnen. Freilich ohne Erfolg.

Kurz nach Beginn der „Kabale“ waren Lastwagen vor dem Theater aufgefahren, auch ein Schwertransporter mit Kranaufsatz rückte an. Arbeiter begannen, die Skulptur mit Absperrgittern einzuzäunen und dann für den Abtransport herzurichten. Wenig später folgte sogar ein zweiter Kranwagen, den man auch tatsächlich brauchte: Das Rad wollte nicht weichen.

Zuvor hatten sich bereits eine kleinere Menschenmenge vor der Volksbühne versammelt, darunter mehrere Angehörige des Theaters. Veränderung lag offenkundig in der Luft. Auch die Gäste der umliegenden Lokale spürten das und versammelten sich nach und nach um die Szenerie. Die Aktion geriet fast zum Volksfest. Liegestühle standen schließlich herum, von denen aus Zaungäste die Aktion beobachteten und kommentierten.

Ein Ergebnis bekamen sie nicht mehr zu sehen: Gegen 21.30 Uhr wurden die Versuche, die widerspenstige Skulptur unbeschädigt zu entfernen, vorerst aufgegeben. Wie es nun weitergeht, blieb am Abend unklar. Vielleicht bleibt das Rad ja nun doch erst mal stehen.

Vor wenigen Tagen war der Schriftzug OST entfernt worden

Erst am Sonnabend, wiederum während einer Vorstellung, war vom Theaterdach, wie berichtet, der ebenfalls berühmte Schriftzug „OST“ entfernt worden. Nun also auch das Rad, quasi in einer Nacht- und Nebelaktion? Eine naheliegende Vermutung, die aber diesmal nicht zutraf.

Vielmehr, so verlautete dann kurz nach Beginn der Abbauarbeiten aus der Senatsverwaltung für Kultur, sei nun doch zwischen den Erben des Künstlers Bert Neumann und der Intendanz der Volksbühne eine Einigung zur Zukunft des „Räuberrades“ erzielt worden – und zwar unter der Federführung von Kultursenator Klaus Lederer (Linke). Der 2015 verstorbene Bühnenbildner Neumann ist der eigentliche Erfinder des Rades und gilt als ästhetischer Wegbegleiter Castorfs. Das imagebildende Marketing des Theaters geht auf ihn zurück, von der Frakturschrift bis zum laufenden Rad.


Nach der Rückkehr soll das Rad restauriert werden

Nach der Mitteilung aus der Kulturverwaltung wurde am Mittwoch der umgehende Abbau des Rades vereinbart. Es soll, zusammen mit der Witwe Neumanns, die Volksbühne im Juli zu ihrem Gastspiel nach Avignon begleiten und dort auch aufgestellt werden. Ob das nach den aufgetretenen Problemen geht? Man wird sehen.

Auf dem dortigen Festival will Castorf das Stück von Mittwochabend zeigen. Mit dem Volksbühnen-Ensemble soll auch das Rad nach Berlin zurückkehren, doch erst mal für ein Jahr den Augen der Öffentlichkeit entzogen bleiben: Es wird gründlich saniert, auf Kosten des Senats, wie Kulturstaatssekretär Torsten Wöhlert gestern am Rande der Abbauarbeiten verriet.

Nach der Sanierung soll die Skulptur am ursprünglichen Standort wieder errichtet werden – „insofern sich die drei Parteien nicht auf einen anderen, würdigen Standort einigen“, wie es in der Mitteilung der Kulturverwaltung hieß.

Zum Teil, so scheint ist, ist die Zukunft des Rades also doch noch offen. Gleichwohl gab sich Senator Lederer über die unerwartete Wendung im Streit um das Rad zufrieden: „Ich bin froh, dass wir eine dem Geiste der künstlerischen Zusammenarbeit von Bert Neumann und Frank Castorf gerecht werdende Einigung erzielen konnten.“ Insbesondere danke er Neumanns Erben für ihre konstruktive Haltung.

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