• Volksbühne on the Road: Holt die Wäsche rein, die Schauspieler kommen! - Erste Station ist heute und morgen der Prater

Berlin : Volksbühne on the Road: Holt die Wäsche rein, die Schauspieler kommen! - Erste Station ist heute und morgen der Prater

Sandra Luzina

"Billig, da stehste doch drauf." Der Werbeslogan passt perfekt zu Bert Neumann, Chefausstatter der Volksbühne und einer der wichtigsten Mitstreiter von Frank Castorf. Der gebürtige Ost-Berliner hat sich mit seinen Entwürfen schnell den Ruf eines Bühnensprengmeisters erworben, oft haftet ihnen der Charme des Provisorischen an, sie provozieren lustvolle Demontage. Immer eröffnen sie den Volksbühnen-Schauspielern vergnüglich-vertrackte Aktionsräume.

"Ausstatter - was für ein furchtbares Wort", mokiert sich Bert Neumann. Dunkelblaue Nadelstreifenhose, fliederfarbenes Hemd, ein silbernes Kreuz ziert die aufgeknöpfte Männerbrust - sein Outfit stammt selbstverständlich aus dem Second-Hand-Laden. Dort sucht er auch die Bühnen-Kostüme zusammen, wenn er nicht im Theaterfundus ausgesuchte Scheußlickeiten aufstöbert. Dabei geht es ihm nicht grundsätzlich um eine Feier des schlechten Geschmacks. "Auf der Bühne will ich nicht-geschützte, nicht-gepanzerte Körper sehen." Als Veredelungskünstler begreift Bert Neumann sich nicht. Er duldet keinen Designer-Chic auf der Bühne, er schafft keine traumschönen Gegenwelten. Andererseits er sperrt die Darsteller nicht in einen Sinnkäfig. "Furchtbar, diese Bedeutungskeule im Theater!" seufzt er.

Seine Entwürfe sabotieren die perfekte Bühnenillusion. "Mich interessieren die Bruchstellen, wo Illusion und Wirklichkeit zusammenstoßen." Gern verwendet er "Oberflächen, die massenhaft in der ganzen Welt verbaut werden" und nähert sich damit oft einer rustikal-profanen Baumarkt-Ästhetik an. Bekannt ist seine Vorliebe für Sperrholz. "Das ist ein Material, das häufig benutzt wird im Theater, aber da kommt meistens noch was drauf. Ich will eigentlich nur Form und Konstellation." Die Drapierung weglassen - nach diesem Prinzip funktionieren die Bühneräume.

Mit durchschlagendem Erfolg betätigt sich Bert Neumann auch als Werbegrafiker und Designer. Das Coporate Image, das er anlässlich der Wiedereröffnung der Volksbühne 1992 entwarf, ließ Werbeprofis blass aussehen. Dem "gelernten Ostler", der sich nach dem Bühnenbild-Studium an der Kunsthochschule Weißensee mit dem Verkauf selbstgefertigter T-Shits durchschlug, gelang damit eine der ansprechendsten und effektvollsten Werkekampagnen in der deutschen Kulturbranche. Jeder kennt das Volksbühnen-Logo mit dem mittelalterlichen Rotwelschzeichen, das für "Brandstifter" steht. "Die Dinge, die ich für die Volksbühne entwerfe, sollen uns länger begleiten", wünscht sich Neumann. Seine Kreationen - die Streichholzschachteln oder die Kondomschachteln - sind mittlerweile begehrte Sammlerobjekte. Zwar bereitet ihm das Glatte, Synthetische immer noch Unbehagen, an eine Rettung der Ost-Ästhetik glaubt er indessen nicht. Mit offenen Augen streift Neumann durch die Städte, um die Reklamebotschaften und den Wandel der öffentlichen Ästhetik zu studieren. Seit kurzem hat er stets eine kleine Kamera dabei, um ein fotografisches Tagebuch zu führen. "Ich möchte mich von der Wirklichkeit überraschen lassen", lautet Neumanns undogmatisches Credo.

Nach neun Jahren ist seine Identifikation mit der Volksbühne noch ungebrochen. In deren Auftrag entwarf er sogar eine architektonische Attraktion: das New Globe Theater im Prater. Von diesem einmaligen Theaterraum muss das Publikum sich leider zum Ende der Spielzeit verabschieden. Den jüngsten Volksbühnen-Streich hat sich Neumann zusammen mit Hannah Hurtzig ausgeheckt. Jetzt heißt es: Kunst in den Container. Als das Angebot der Expo Hannover kam, am Kulturprogramm des Deutschen Pavillons teilzunehmen, verfielen die Anarchos vom Rosa-Luxemburg-Platz auf die Idee: "Wir schauen nur auf der Durchreise vorbei - und wir bringen unsere eigene Infastruktur mit." "BILLIG" prangt in Großbuchstaben auf einem der vier Containerwagen, als würde er auf einem Marktplatz aufgestellt (wofür man die Hannoversche Weltausstellung ja auch halten kann). Die Rollende Roadschau verheißt "The Best of Volksbühne". Ein weiterer Aspekt des mobilen Spektakels: Die Akteure bringen die Kunst nun selbst unters Volk. Das Konzept knüpft an die Tradition des fahrenden Volks, an Schaubuden und Propagandawagen an. Althergebrachte Theaterformen neu zu interpretieren, sie zuzuspitzen und auf die Gegenwart anzuwenden, reizt das Allround-Talent. Mit "Holz- und Rupfen-Romantik" hat Bert Neumann freilich nichts im Sinn. In bester Volksbühnen-Ironie wird das Projekt von einem Manifest angekündigt, das verspricht: "Kein Entertainment!" "Man könnte genausogut das Gegenteil behaupten", grinst der Urheber. Hartmanns Gruselbude, Rollers Mobile Völkerschau im Welt-Freizeit-Container, Kuttners Aufklärungsstand und Matschkes Spiegelkabinett machen jetzt für zwei Tage Station im Prater. Die "erste Lieferung" wird zeigen, ob es sich nur um rasenden Blödsinn handelt oder ob der Container nicht spätestens seit "Big Brother" und Christoph Schlingensiefs Wiener Abschiebe-Aktion zur Theaterbühne des mobilen Zeitalters geworden ist.

Die kompakten Behältnisse lassen jedenfalls verschiedene Nutzungen zu, die Akteure sind herausgefordert, das Programm ständig weiter zu entwickeln. Mit Blick auf den Aktivisten Schlingensief betont Neumann: "Wir wollen nicht nur senden, sondern erhoffen uns auch ganz viel Input." Neumanns theatralische Sendung: Der Berliner träumt von großer Fahrt, bis nach Novi Sad soll die Reise gehen. "Deswegen bin ich wohl an der Volksbühne gelandet", sinniert er, "da versucht man immer wieder, das Stadttheater auf verschiedenen Wegen zu verlassen".

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