Volksentscheid Flughafen Tegel : Auch in Reinickendorf gibt es TXL-Liebhaber

In der Einflugschneise wohnt es sich laut, aber relativ günstig – so lange der Airport nicht schließt.

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Manch einem wird der Flughafen Tegel fehlen, selbst in Reinickendorf. Foto: Paul Zinken/dpa
Manch einem wird der Flughafen Tegel fehlen, selbst in Reinickendorf.Foto: Paul Zinken/dpa

Wer ist eigentlich in Reinickendorf für die Offenhaltung von Tegel? Natürlich all jene, die den Flughafen beruflich oder privat nutzen, ohne unter seinen Nachteilen wie dem Fluglärm zu leiden. Also die Frohnauer, die Hermsdorfer (ja, klar, es gibt sensible Ausnahmen), Waidmannslust, Heiligensee – eigentlich alle, die nördlich des Flughafens leben.

Nicht zu vergessen die Menschen, die direkt auf dem Flughafen arbeiten oder in Unternehmen beschäftigt sind, die den Flughafen beliefern, egal, ob mit Waren oder Dienstleistungen. Ihre Zahl wird auf etwa 10  000 geschätzt. Viele von ihnen fürchten, in Schönefeld nicht mehr gebraucht oder von anderen Zulieferern verdrängt zu werden.

Und wer jetzt im Umfeld von TXL wohnt, hat vermutlich wenig Lust, wegen des Jobs in den Südosten Berlins oder nach Brandenburg umzuziehen. Dass es alles andere als ein Vergnügen ist, zu Stoßzeiten am Morgen oder am Nachmittag über die Autobahn Richtung Schönefeld zu fahren, haben außer dem Senat alle gemerkt. Nicht umsonst sagen viele Planer heute schon, dass der BER, wenn er denn mal eröffnet worden ist, weniger an den zu kleinen Flugkapazitäten als an den verstopften Zufahrtswegen scheitern wird.

"An den Lärm haben wir uns gewöhnt"

Es gibt aber auch viele Menschen, die in Reinickendorf geradezu Angst vor einer Schließung des Flughafens haben. Viele von ihnen leben in Reinickendorf-Ost, also rund um den Schäfersee und die Residenzstraße und anliegende Gebiete. Hier wohnen keine wohlhabenden Menschen. Wer es sich leisten konnte, ist schon vor vielen Jahren weggezogen oder hat sich gar nicht erst in diesem Kiez niedergelassen.

Der Anteil der Bewohner mit Migrationshintergrund ist relativ hoch, der Prozentsatz jener, die in irgendeiner Form auf staatliche Hilfe angewiesen sind, auch. Ähnliches gilt für alle, die in dem Dreieck leben, das durch die U-Bahnlinie 6, die S-Bahnlinie 25 und die Ollenhauerstraße gebildet wird. An den Lärm haben wir uns gewöhnt, hört man in Reinickendorf-Ost genauso wie in Reinickendorf-West. Aber an doppelt so teure Wohnungen könnten wir uns nicht gewöhnen, das könnten wir uns einfach nicht leisten, dann müssten wir weg – aber wohin in einer Stadt, die in den letzten Jahren mit die höchsten Mietsteigerungen in Deutschland zu verzeichnen hatte?

Die Grünen fordern Milieuschutz

Die ersten, die das im Bezirk erkannt und zu politischen Aktivitäten aufgefordert haben, waren im Januar die Grünen. Bereits im Mai 2014 hatten sie in der BVV einen Beschluss initiiert, wonach das Bezirksamt gutachterlich klären soll, wo Milieuschutzsatzungen erlassen werden müssten, um eine Verdrängung sozial schwacher Schichten zu verhindern.

Im Januar 2017 erneuerte die Partei nun die Forderung, das Bezirksamt lässt das zurzeit durch eine Einwohnerbefragung rund um den Schäfersee untersuchen. Gleiches gilt für Reinickendorf-West. Damit verbunden wäre eine teilweise Veränderungssperre. Das bedeutet, dass zwar neu gebaut werden kann, auch mit höherwertigen Objekten, dass aber vorhandene Mietwohnungen nicht in (teure) Eigentumswohnungen umgewandelt werden dürfen. Verhindert wird so eine Verdrängung der angestammten Bevölkerung, nicht aber der Zuzug Besserverdienender.

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