Volksentscheid : Senat: Pro Reli gefährdet Integration

Ethik hilft bei der Vermittlung gemeinsamer Werte und fördert so die Integration, findet Bildungssenator Jürgen Zöllner. Ethikunterricht für alle ist seiner Ansicht nach bisher der Weg, auch junge Muslime in die Gesellschaft zu integrieren. Einem Erfolg des Volksentscheides sieht er deshalb mit Skepsis entgegen.

Ulrike von Leszczynski
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Volksentscheid Pro Reli: Jürgen Zöllner macht sich Sorgen um die Integration. -Foto: ddp

Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD) sieht bei einem Erfolg des Volksentscheides Pro Reli die Integration in der Hauptstadt gefährdet. „Schule hat für mich die zentrale Aufgabe, die Gesellschaft zusammenzuführen“, sagte Zöllner in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. „Für mich gibt es keinen Zweifel, dass ein erfolgreicher Volksentscheid die wichtige Integrationsaufgabe der Schulen gefährdet.“ In Berlin wird am 26. April darüber abgestimmt, ob die Schüler von der ersten Klasse an zwischen den Fächern Ethik und Religion wählen können. Derzeit ist nur Ethik von der 7. Klasse an Pflichtfach. Religion dagegen ist ein freiwilliges Zusatzfach.

Bei einem Votum für den Volksentscheid gerieten Schüler in den Zwang, sich zwischen ihrer Religion und einer gemeinsamen Wertevermittlung entscheiden zu müssen, sagte der Senator. „Jeder, der dann nicht in den Ethikunterricht geht, ist aus meiner Sicht ein Verlorener für die staatliche Aufgabe der Integration.“ „Ethik für alle ist bisher unser Weg, auch junge Muslime in unsere Gesellschaft zu integrieren“, sagte Zöllner. „In diesem Fach geht es um die gemeinsame Auseinandersetzung mit Werten. Es geht um das Verstehen des anderen im Angesicht des anderen.“ In der Schule müsse es einen Platz geben, an dem Schüler gemeinsam über Werte redeten.

„Denn das ist die Voraussetzung dafür, dass sie diese Werte später als Erwachsene gemeinsam leben.“ Der Volksentscheid erweckt aus Zöllners Sicht den Eindruck, dass Berlin Religion in die Ecke stelle. „Das stimmt nicht“, betonte Zöllner. „Es ging in Berlin nie darum, Religionsunterricht abzuschaffen. Wer ihn haben wollte, hat in bekommen. Und Berlin hat das bezahlt wie andere Bundesländer auch.“ Mit dem Pflichtfach Ethik sei Berlin nur einen Schritt weiter gegangen.

„Ich bin jemand, der sehr wohl weiß, dass unser Wertesystem von der christlichen Religion geprägt ist. Ich bejahe das, und ich stehe dazu“, sagte Zöllner. Ohne ein Pflichtfach Ethik werde es an Schulen aber keinen gemeinsamen Ort mehr geben, an dem Werte, die im Christentum und Humanismus wurzeln, anderen gezielt vermittelt würden.

An den öffentlichen Schulen Berlins nahmen nach der jüngsten Statistik der Schulverwaltung vom Oktober 2008 rund 143 000 Schüler am Religions- und Weltanschauungsunterricht teil. Das war knapp die Hälfte aller Schüler an staatlichen Schulen. Den größten Anteil machte von der 1. bis zur 13. Klasse der christliche Religionsunterricht aus. Es gab rund 73 000 Schüler, die evangelische Religionsstunden belegten, und 17 300, die sich für katholischen Unterricht entschieden. Die Einführung des Pflichtfachs Ethik im Jahr 2006, das heute von der 7. bis 9. Klasse erteilt wird, veränderte die Teilnahme am christlichen Religionsunterricht nach der Statistik der Schulverwaltung kaum. Christliche Religion als freiwilliges Zusatzfach wählen zur Zeit knapp 20 Prozent der Schüler. Das ist ein Prozent weniger als im Jahr 2004. Nach dem christlichen Religionsunterricht folgt der Lebenskundeunterricht des Humanistischen Verbandes. Ihn belegten Ende 2008 rund 47 000 Schüler. Die Islamische Föderation organisierte für rund 4600 Schüler islamischen Religionsunterricht. Ulrike von Leszczynski (dpa)

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