Voll in die Parade : CSD und Karneval rücken näher

Im Juni tanzt die Stadt: 500 000 Menschen kommen zum CSD, 700 000 zum Karneval der Kulturen. Aber die Künstler müssen ihr Engagement beim Karneval immer noch selbst finanzieren.

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Blauer Himmel und Lebensfreude. Die Samba-Gruppe Amasonia um Sonia de Oliveira wurde beim Karneval der Kulturen in den letzten Jahren besonders oft fotografiert. Seit 1997 sind sie dabei. Foto: ddp
Blauer Himmel und Lebensfreude. Die Samba-Gruppe Amasonia um Sonia de Oliveira wurde beim Karneval der Kulturen in den letzten...Foto: ddp

Jeden Tag nach der Schule bastelt Vanessa: an ihrem Federkostüm, mit dem sie für einen Tag zu einer echten brasilianischen Sambatänzerin beim Karneval der Kulturen werden will. Mit fünf war sie zum ersten Mal dabei. Jetzt ist sie 15.

Bald ist es wieder soweit: Federboas, laute Rythmen und nackte Haut machen aus den Straßen der Stadt eine Partyzone. Und zwar gleich zwei Mal. Zuerst ziehen am 12. Juni die knapp 4800 Teilnehmer des Karnevals der Kulturen durch Kreuzberg. Und am 25. Juni tanzen die Fans des Christopher Street Day von der Tauentzienstraße über den Großen Stern zum Brandenburger Tor. Eine halbe Million Zuschauer erwarten die Organisatoren des CSD, die des Karnevals sogar 700 000. Beim Christopher Street Day geht es in diesem Jahr um den Sport – unter dem Motto „Fairplay für Vielfalt“. Auch der 33. Umzug ist wieder eine politische Demonstration für die Rechte Homosexueller.

Der Karneval der Kulturen hingegen ist auch diesmal keine Demo, obwohl das die Finanzierung erleichtern würde. So geht das Geld, dass der Senat zur Verfügung stellt, „komplett in die Logistik der Veranstaltung“, sagt Nadja Mau, eine der Organisatorinnen: „Damit machen wir die Straßen frei.“ In dieser Hinsicht ist der Karneval auf der sicheren Seite.

Bei den Teilnehmern sieht das anders aus. „Unsere Fotos sind überall zu sehen. Wir haben den Karneval mit bekannt gemacht und jetzt können wir vielleicht nicht mehr teilnehmen“, sagt Sonia de Oliveira, die in den vergangenen Jahren immer wieder ihre Sorgen geäußert hat. Die Schauspielerin und Choreografin leitet die Gruppe „Amasonia“, eine Samba-Schule, die mit rund 200 Tänzern in den berühmten brasilianischen Federkostümen seit 1997 jedes Jahr beim Karneval dabei war. Auch die 15-jährige Vanessa gehört zu Amasonia, aber vielleicht bastelt sie umsonst an ihrem Kostüm. „Hoje é só alegria, amanha é outro dia? – Heute nur Lebensfreude, morgen ist ein anderer Tag“ soll das Motto von Amasonia in diesem Jahr lauten, doch bis auf die Kostüme fehlt noch alles – vom Lkw über die Musikanlage bis zum Fahrer. Der Sponsor vom vorigen Jahr ist abgesprungen. Und Sonia de Oliveira hat sich schon zu oft Geld von Freunden und Verwandten geliehen. 15 000 Euro hat sie selbst schon für den Karneval ausgegeben. „Das ist ein teures Hobby, das ich mir nicht mehr leisten kann.“ Dabei möchte sie auch weiterhin „etwas für die Stadt tun, in der ich lebe“.

Bei der Gruppe Afoxé Loni, die seit 1997 den Umzug mit einem brasilianischen spirituellen Ritual, Trommelwirbeln und Gesang anführt, sieht das Problem etwas anders aus. „Wir sind müde und ausgeblutet“, sagt Krista Zeißig, die die Gruppe mitgegründet hat. „Die 7000 Euro, die der Umzug für uns kostet, tragen die Teilnehmer immer noch selbst. Wir dachten, dass sich da etwas entwickeln könnte, aber es profitieren immer nur andere von unserem Engagement. Jetzt ist die Luft raus.“ Deshalb wollen sie dieses Jahr zum letzten Mal mitmachen.

Zumindest moralische Unterstützung bekommen die Unzufriedenen von Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne): „ Der Karneval der Kulturen ist zu einem wichtigen wirtschaftlich-touristischen Ereignis für die ganze Stadt geworden. Die Selbstausbeutung der Künstler zugunsten der Wirtschaft dürfte nicht automatisch weitergehen.“ Doch der Bezirk sei nicht zuständig.

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