Berlin : Volle Lolita-Power

Die Fans von Tokio Hotel ließen das Velodrom erzittern – auch wenn es nicht ganz ausverkauft war

Sigrid Kneist

Es ist wieder einmal ein schriller Abend. Wie man es eigentlich bei Tokio Hotel gewöhnt ist. Kreischen können die Girlies am Donnerstag im Velodrom noch allemal so gut, dass sie gesundheitsgefährdende Frequenzen erreichen und Ohrstöpsel sich in jedem Fall bewähren. Aber für Dezibel-Rekorde wie im letzten Jahr reicht es nicht. Die Halle ist nicht ganz ausverkauft – wie schon bei den vorangegangenen Konzerten der jetzigen „483“-Tour. Man liest auch nicht mehr davon, dass hunderte Mädchen völlig dehydriert umkippen, teilweise noch bevor Bill seinen ersten Ton gesungen hat. Beginnen die Teenies, die im vergangenen Jahr die vier Jungs aus Magdeburg in den Pophimmel gehoben haben, bereits, ihnen ihre Liebe zu entziehen? Jetzt, nachdem auch große Feuilletons, die zunächst nur milde lächelnd auf den Werdegang der Jungs geschaut hatten, die Qualität der Musik, die zunehmende Professionalität der jungen Musiker, die Schönheit Bills entdeckten und priesen. Wo selbst Herbert Grönemeyer, Idol einer anderen Generation, mit Lob nicht geizte. Verblasst etwa der Stern von Bill, Tom, Gustav und Georg schon?

Für die Mädchen beim Konzert ist diese Frage geradezu absurd. Für die, die zwei Tage lang vor der Halle campierten, sowieso. Aber auch für die nicht ganz so verrückten Fans, denen schon eine gute Sicht von den Seitenplätzen reicht. „Das Konzert war viel besser als das erste – und das war schon super“, sagen Judith und Nadja (12) hinterher. Sie sind wie ihre Freundin Charlotte einfach nur begeistert von Tokio Hotel und davon, live dabei gewesen zu sein.

Und in der Tat – das Velodrom ist immer noch voll genug für Spitzenstimmung. Schon als die ersten Takte von „Übers Ende der Welt“ erklingen, ist die Mädchenwelt im Velodrom eine einzige tanzende, wogende, singende – natürlich auch kreischende – Menge. „Mann, was für eine Lolita-Power“, staunt da ein Vater fassungslos. Bis zur letzten Zeile des letzten Lieds „Ich bin da“ singen die Mädchen aus vollen Kehlen mit. Sie sind absolut textsicher, kennen jedes einzelne Wort. Nur zwischendrin stehen einige unbewegliche Fixpunkte, das sind die begleitenden Eltern.

Die Teenies schwenken Plakate: „Wir lieben Tokio Hotel!“, „Ihr seid süß“, „Tom, wir müssen mal reden“ oder auch „Bill, zeig uns den Grund deiner engen Hose“. Nun, das würde Bill nie tun; aber ansonsten erfüllt der Tokio-Hotel-Frontmann alle Erwartungen seines Publikums. Der Junge mit dem zahnpastaweißen Zähnen, den so schön strahlenden, großen Augen und dem schwarzen Haar, er hüpft über die Bühne, er lächelt und spricht mit den Fans, er wirft sein Handtuch in die Menge. Und holt eine aus dem Publikum auf die Bühne – und zwar keine Schönheit. Auch dafür lieben ihn die Mädchen. Es könnte jede von ihnen sein, die gemeinsam mit ihrem Idol „Der letzte Tag“ singen kann. Da sind sich im Velodrom tausende von Mädchen sicher, dass es einen letzten Tag mit Tokio Hotel nie im Leben geben soll. Was wissen sie schon von der Vergänglichkeit des Moments.

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