Berlin : Volle Pulle im Trend

Der öffentliche Schluck: Warum immer mehr Menschen nur noch mit Wasser- oder Limoflasche auf die Straße gehen

Constance Frey,Juris Lempfert

Den Frühstückskaffee im Bus schlürfen, an der Wasserflasche nippen beim Ku’damm-Bummel oder das Bier schon auf dem Weg zur Party in der Bahn leeren – das Trinken in der Öffentlichkeit ist überall in Berlin zu beobachten. Die Getränkeflasche gehört für viele inzwischen zum Outfit wie Sonnenbrille oder Handtasche, und das nicht nur im Sommer.

Modisch? Gesund? Praktisch? Oder einfach nur billiger? Für Trendforscher Johannes Goebel sieht das so: „Zumindest Mineralwasser wurde durch Studien aufgewertet. Dann kommt die Bewegung auch aus dem Sport. Wer trinkt, hat eine Aura von Fitness und Gesundheit.“ Doch das macht den öffentlichen Trinker noch nicht zum trendigen Menschen. „Die Menschen haben begonnen, sich an einfaches Design und Lebensstil aus Japan zu orientieren. Wasser symbolisiert Purismus und ist dadurch auch edel.“ Getrunken wird überall: im Auto, auf der Straße und in der U-Bahn. Die Bierflaschen, die auf der Straße geleert werden, hält Johannes Goebel für ein Berliner Phänomen. „Es ist ein Zeichen für wenig existierende Konventionen oder sozialen Druck.“ Daher trinken im toleranten Berlin nicht nur die Bahnhofspenner aus der Pulle, sondern eigentlich alle, so der Trendforscher.

Trinken unterwegs ist zum Massenereignis geworden. Das hat etwa auch die französische Mineralwassermarke Evian erkannt, die schon 2000 ihr Modell „Nomade“ mit dem blauen Plastiknoppen auf den Markt gebracht hat. So kann die Flasche an jedem Karabiner festgehakt werden. Ihr Konkurrent Vittel lancierte die Sportflasche, die sich mit einer Hand öffnen lässt. Fortan sind immer mehr Menschen mit Flüssigkeitsbehältern unterwegs, einige schnallen sich sogar für Stadtausflüge Trinksysteme der Schweizer Firma Sigg um. Das Unternehmen produziert seit fast einem Jahrhundert Aluminium-Trinkflaschen, die sich vom Ausrüstungsteil für Wanderfreunde zum Accessoire für Modeopfer gewandelt haben. Drei Millionen Stück verkaufen die Schweizer mittlerweile und jedes Jahr bringen sie Flaschen mit neuen Motiven heraus. Die S-Klasse unter den Alu-Pullen ist dabei die „Crystal Diva“ für 290 Euro, die samt schwarzem, mit original Swarovski-Kristallen besticktem Etui verkauft wird.

Wer aus solch einem Luxusobjekt in der Öffentlichkeit trinkt, wird sicherlich kein Missfallen erregen. Aber auch gegen die gewöhnliche Flasche gibt es rechtlich (fast) nichts einzuwenden: In Parks, auf Gehwegen oder beim Schlendern durch die Fußgängerzone darf man Getränke zu sich nehmen, so viel man will. Das gilt auch für Alkohol. Zwar steht im Berliner Straßengesetz, dass „Nächtigen, Lagern und (...) Niederlassen zum Alkoholverzehr außerhalb zugelassener Schankflächen“ nicht erlaubt ist und dafür ein Bußgeld verhängt werden darf. „Die Polizei schreitet aber lediglich ein, wenn dabei lautstark gegrölt wird, die Leute pöbeln oder mit Flaschen werfen“, sagt ein Polizeisprecher. Und natürlich, wenn man – nach den Jugendschutzgesetz – noch nicht alt genug ist: 16 Jahre müssen das bei Bier und 18 Jahre bei Hochprozentigem sein. Allerdings verbietet das Bezirksamt Spandau inzwischen das Trinken auf Parkbänken in Teilen seiner Altstadt, weil sich die Beschwerden über die Alkoholiker-Szene gehäuft hatten.

Genauer schauen auch BVG und S-Bahn hin. Zwar darf der Passagier grundsätzlich seinen Durst in Bussen und Bahnen löschen. Doch bei Alkohol hört das Verständnis auf. Derjenige, der laut Beförderungsbestimmungen „geistige Getränke“ zu sich nimmt, fliegt raus. „Wer bei einer Kontrolle mit einem Bier angetroffen wird, dem passiert aber nichts“, sagt ein BVG-Sprecher, „wir wollen schließlich, dass sich die Fahrgäste bei uns wohl fühlen.“

Mediziner sehen den „Trink-Trend“ zu Wasser inzwischen auch – allerdings vor allem in den Hörsälen. „Selbst im Winter bringen meine Studenten ihre Wasserflaschen mit“, sagt Uwe Heinemann, Professor für Physiologie an der Charité. Aus medizinischer Sicht sei das aber völlig unnötig. Auch sein Kollege, der Kreislaufphysiologe Pontus Persson, beobachtet die neue Mode. Die Zahl der Patienten, die wegen Flüssigkeitsmangels eingeliefert werden, sinke deshalb jedoch nicht. „Vor allem die jungen Leute trinken, und die sind meist gesund. Das Getränke-Rumtragen ist völlig überflüssig“, sagt er. Aber nicht nur das: Wer zu viel Süßes wie Limonade oder Cola zu sich nehme, strapaziere seinen Körper unter Umständen sogar – und wird dick.

Vernünftig sei es nur, wenn ältere Menschen öfter zur Wasserflasche griffen, sagt Physiologe Uwe Heinemann. Denn sie verlieren mit den Jahren das Durstgefühl. „Sie trinken dadurch zu wenig und bekommen gesundheitliche Probleme.“ Und so hofft der Mediziner: „Wenn die heutige Generation auch im Alter noch ihre Flaschen mitschleppt, dann war dieser eigentlich unsinnige Trend am Ende doch noch nützlich.“

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