Berlin : Voller Kinder

Malte Lehming

sieht für Berlin die demographische Wende voraus Besonders hart betroffen von Deutschlands Krise sind die Hebammen. Die Geburtenhilfe, sollte man meinen, ist überflüssig geworden, denn die Deutschen sterben aus. Sie heiraten nicht mehr, wollen keine Kinder zeugen. Langsam, aber stetig vergreist das Land. Die Bahn überlegt bereits, das Einstiegsalter für den Seniorenpass anzuheben. Man hat ausgerechnet, dass sonst bald die Hälfte der Bevölkerung zum Billigtarif fährt. Der Buchmarkt wird beherrscht von Ratgebern für Ergraute. „Skateboarden im Alter - leicht gemacht“, heißen die Titel, oder: „Der Fitnesstrainer für steife Gelenke“. Regen Zulauf haben Pensionärsgruppen, in denen das Einmaleins des Internets gelehrt wird. Reihenweise schließen müssen Kindertagesstätten.

Doch es gibt Hoffnung. Eine Trendwende kündigt sich an. Und wieder einmal hat sich das dynamische und innovative Berlin an die Spitze der neuen Bewegung gesetzt. Ordnungsgemäß haben wir vor einigen Monaten über die Deutsche Botschaft in Washington eine Geburtsurkunde für unsere zweite Tochter Millie beantragt, die im Februar in Amerika geboren wurde. Jetzt kam die Antwort. „Das Standesamt I in Berlin hat Ihren Antrag erhalten“, steht in dem Brief. Doch dann: „Wegen der zahlreichen dort eingehenden Vorgänge kann es leider bis zu einem Jahr dauern, bis die Geburt beurkundet wird.“ Ein Jahr! Wenn das kein gutes Zeichen ist! Spontan wollten wir den armen Sachbearbeitern gratulieren. Wir lasen weiter: „Das Standesamt I in Berlin bittet, von telefonischen und schriftlichen Rück- bzw. Sachstandsfragen, die regelmäßig einen zusätzlichen Arbeitsaufwand verursachen, abzusehen.“ Okay, das verstehen wir. Nichts soll die konzentrierte Arbeit behindern. Und so ein schlappes Jahr Wartezeit ist doch nichts gegen die freudige Aussicht, dass es in deutschen Landen von Babys bald nur so wimmeln wird.

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