Berlin : „Vollstrecker der verletzten Ehre“

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„Man kann in den Menschen Andreas G. nicht hineinschauen“, sagte der Richter, und der Angeklagte grinste wieder. Wie so oft in dem Prozess, in dem es vor allem um seine Schuldfähigkeit ging. Doch es blieb dabei: Wegen Mordes an seiner 14-jährigen Cousine Nina Aul wurde Andreas G. gestern erneut zu lebenslanger Haft verurteilt. Grausam habe er die Schülerin getötet, unbarmherzig.

Die lebenslustige Nina starb am 2. Juni 2000 im Humboldthain in Wedding. Andreas G. stach etwa 70 Mal mit einem Messer auf das Mädchen ein und rammte ihm dann einen 54 Zentimeter langen Ast in den Körper. An der Leiche hatte er schließlich einen Kofferanhänger mit der Aufschrift „Gute Reise“ angebracht. Vor Gericht sagte der Angeklagte, er könne sich nur daran erinnern, ein Mal auf Nina eingestochen zu haben.

Wie im ersten Prozess kamen die Richter des Berliner Landgerichts gestern zu dem Schluss, dass der 28-Jährige weder geisteskrank noch sexuell pervers ist. „Der Angeklagte ist voll schuldfähig“, befanden sie. Das erste Urteil hatte der Bundesgerichtshof (BGH) auf Revision des Angeklagten aufgehoben und eine eingehendere Prüfung dieser Frage angeordnet.

Während der Urteilsverkündung murmelte Andreas G. ununterbrochen vor sich hin, zeigte mal einen Vogel, ließ dann den Kopf auf den Tisch sinken. Er und seine Cousine wuchsen im selben Dorf in Russland auf. Nina kam mit ihrer Mutter 1992 nach Deutschland, Andreas G. mit seinen Eltern 1994. Mehrfach sagte der Tierpfleger vor Gericht, Nina sei ein „böses Mädchen“ gewesen. Weil sie kurze Röcke trug, sich schminkte und abends gerne ausging.

Auf Andreas G. habe bei der Tat möglicherweise „ein Bündel von Vorstellungen“ eingewirkt, sagte der Richter. „Es mag eine Art Rache für Zurückweisung oder für eine grobe Beleidigung gewesen sein.“ Auch habe er sich als „Vollstrecker verletzter Familienehre“ aufgespielt. Weil er meinte: „So wie Nina darf man sich nicht kleiden.“ Es gebe nach Einschätzungen von Gutachtern jedoch keine Anhaltspunkte für eine seelische Abartigkeit. Andreas G. habe auch nicht im Affekt gehandelt. Es sei ein „mehraktiges Geschehen“ mit einer Zigarettenpause gewesen. Kerstin Gehrke

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