Vom Abriss bedroht : Hände weg vom ICC!

18.02.2012 00:00 Uhrvon
  • Der Koloss von Westend. 1979 wurde das ICC eröffnet, die Baukosten betrugen umgerechnet rund 470 Millionen Euro. - Foto: picture alliance / dpa
  • Die Sanierung des Internationalen Congress Centrums könnte einer neuen internen Studie zufolge bis zu 328 Millionen Euro kosten. - Foto: Messe/promo
  • Wie der Name schon sagt: Im ICC finden Kongresse, Tagungen und sonstige große Firmenveranstaltungen statt. - Foto: Messe/promo

Eine große Koalition der Gegner will das Internationale Congress Centrum abrissreif rechnen. Doch der alte Palast der West-Berliner Republik wirbt weltweit für die Stadt – er muss erhalten werden.

Unübersehbar Berlin – und unübersehbar gefährdet. Seit 33 Jahren liegt das Internationale Congress Centrum neben dem Funkturm in der Brandung des Verkehrs, hochragend zwischen kurvenden Autobahnpisten und Bahngleisen. Dieser zu Stahl und Aluminium geronnene Maschinistentraum, scheinbar gebaut für die Ewigkeit, wird schrittweise unterminiert durch die Politik. Mit jeder Kalkulation schwappen die Kosten höher: Einst sollten 182 Millionen Euro reichen, jetzt sollen – leider, leider – gar 330 Millionen Euro nötig sein, um den Koloss fit zu machen.

Doch viel Bedauern ist nicht zu spüren.

Man ahnt: Zahlen sind politisch. Vor allem, wenn es darum geht, ein Wahrzeichen wie das ICC zu schleifen.  Zu viel, sagt jedenfalls der neue Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD), der übrigens schon 1996 den Abriss vorschlug. Und 2005 konnte ein Abrissbeschluss von SPD und Linkspartei gerade noch verhindert werden. Hände weg vom ICC! – gilt heute noch mehr als damals.

Die breite Koalition der Gegner des Kongressdampfers setzt darauf, dass der Unterstützer weniger werden für den Riesenbau mit seinen 80 Sälen und Plätzen für mehr als 20 000 Besucher. Dabei funktioniert die Kongressmaschine, mit der Berlin seinen weltweiten Spitzenplatz im Tagungsgeschäft behauptet, wie geschmiert. Nahezu 20 000 Kongresse haben dem unverwechselbaren ICC viele Ehrungen eingebracht und reihenweise den World Travel Award, den Oscar der Reisebranche. Hunderttausende Berliner erinnern sich zudem an große Künstler und große Bälle – und auch von dem unplanmäßigen Einsatz der Sprinkleranlage während eines ADAC-Balls erzählen die damaligen Wasseropfer inzwischen mit leuchtenden Augen. Bei Älteren ist zu spüren, welche Wertigkeit das Kongresszentrum einmal hatte im eingemauerten West-Berlin. Das ICC war in der Systemkonkurrenz das Gegenstück zum prunkenden Palast der Republik in der Hauptstadt der DDR.

Damals futuristisch, heute retro, ist dem Monstrum der Charme einer technik-optimistischen Zeit eigen – mit seinen mechanischen Anzeigetafeln, dem Rolltreppengewimmel und den kühlen Fliesenfarben. So groß, so unübersichtlich, mit so vielen Ebenen, dass selbst der Lageplan verwirrend bleiben muss. Dass einiges zu modernisieren ist, von den Liftanlagen über die Lüftung bis zum Teppichboden der 70er Jahre mit den runden Kreisen, ist sichtbar – und lässt fragen, wo die Millionen geblieben sind, die Berlin jährlich für Instandhaltung und Wartung an die Messe überweist.

Ein Abriss wäre die späte Rache des Ostens für den geschliffenen Palast. Es wundert nicht, dass in der rot-roten Koalition der Wirtschaftssenator der Linkspartei, Harald Wolf, beim ICC systematisch die Weichen auf Abriss stellte. Auch das neue SPD-CDU-Bündnis ist unentschlossen. Und die Messegesellschaft als Pächter des landeseigenen ICC bot in der Vergangenheit wiederholt Anlass zum Misstrauen, sie wolle den Koloss abrissreif rechnen, weil sie lieber ein neues Kongresszentrum haben will. Das wird es geben: Sobald die Deutschlandhalle abgerissen ist, wird mit dem Bau einer neuen Messehalle begonnen – die dann, während einer von 2014 bis 2017 terminierten ICC-Sanierung, auch die größten Medizinerkongresse unterbringen kann. Oder eben auch länger. Schon wird gemunkelt, eine Sanierung könnte auch bis 2020 dauern. Auch die Alternative, den Riesenbau unsaniert vergammeln zu lassen, steht im Raum. Der Verdacht des ICC-Architekten Ralf Schüler, die Messe wolle den Bau „allmählich verrotten und abrissreif aussehen lassen“, ist durchaus realistisch.

Denn wie das ICC saniert werden kann, ist trotz aller Gutachten immer noch unklar. Von der Messe wird bestritten, dass eine Sanierung im laufenden Betrieb und abschnittsweise geschehen kann. Dem widersprechen wiederum die Architekten vehement. Es nährt das Misstrauen, wenn der marode Zustand des ICC beklagt wird, zugleich aber schon bis 2019 große Kongresse gebucht sind – in den kommenden Wochen gibt es sowohl den Krebsforscher-Kongress als auch die Daimler-Hauptversammlung.

Es steht aus, dass sich der Senat bekennt und wirklich nach einer Lösung sucht, damit 2014 die Sanierung beginnen kann. Die Zeit drängt; auch wegen der anstehenden Haushaltsberatungen. Das Herz der Sozialdemokraten schlägt beim Geldausgeben offenkundig mehr für eine neue Landesbibliothek auf dem Tempelhofer Feld als für das ICC. Am heutigen Samstag gastiert im großen Saal übrigens das „Frühlingsfest der Volksmusik“. Die Politik würde einen Fehler machen, wenn sie dem ICC keinen zweiten Frühling gönnt.

Damals futuristisch, heute retro: das Monstrum hat den Charme einer technik-optimistischen Zeit.

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