Berlin : Vom Bierkeller ins Glashaus

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Von Amory Burchard

„Hier wird eine Zwischendecke eingezogen.“ Jörn Merkerts Arme sausen durch die Luft in der zehn Meter hohen Halle. „Da werden Wände eingebaut.“ Merkerts Arme fahren am rauen Betonboden entlang. „Und in der Mitte bleibt die Halle offen.“ Der Direktor der Berlinischen Galerie steht am Rande einer leeren Lagerhalle in Stahlskelettbauweise und entwirft ein Museum. Das ehemalige Glaslager, in dem bis Anfang der 90er Jahre die Scheibenglas-Reserve für den Blockadefall verwahrt wurde, sei der neue Standort des Museums für Moderne Kunst, Photographie und Architektur, sagt Merkert. „Das wird ein spannendes Raumerlebnis“, schwärmt er. „Ein Haus der modernen Kunst im Geist des 20. Jahrhunderts.“

So enthusiastisch hat Merkert schon das Postfuhramt in der Oranienburger Straße in Mitte und die Gewölbe der Schultheiss-Brauerei in der Kreuzberger Methfesselstraße präsentiert. Nach dem Auszug der Berlinischen Galerie aus dem Gropius-Bau vor vier Jahren ist das Glaslager in der Alten Jakobstraße (Kreuzberg) der dritte Standort, den Merkert vorstellt. Die beiden favorisierten Projekte blieben auf der Strecke. Das Postfuhramt war zu teuer. Und der Träger des Projekts „Viktoria Quartiers“ in der Methfesselstraße ging im September 2001 in die Insolvenz. Der Senat setzte dem Insolvenzverwalter eine halbjährige Frist, einen neuen Investor zu finden, der die alten Brauerei-Gewölbe vertragsgemäß für 12 Millionen Euro zum Museum ausbaut. Wenn das nicht gelingt, stehe die am Projekt beteiligte Deutsche Bank beim Land Berlin mit einer Bürgschaft von 16, 8 Millionen Euro in der Pflicht, erklärt Rainer Klemke von der Kulturverwaltung.

Parallel zur Investorensuche durfte die heimatlose Berlinische Galerie nach einem Alternativstandort forschen – und ging jetzt mit der Präsentation des Glaslagers zuerst ins Ziel. Noch vor der Entscheidung über die Zukunft des „Viktoria Quartiers“ hat Kultursenator Thomas Flierl (PDS) „eine Vorentscheidung für die Alte Jakobstraße getroffen“. Jörn Merkert strahlt. Nachdem er dreieinhalb Jahre lang Visionen für einen ehemaligen Bierkeller entworfen hat, will er jetzt unbedingt ins Glashaus. Mit 4500 Quadratmetern hätte es mehr Ausstellungsfläche als die Gewölbe und außerdem gibt es unter der Lagerhalle Kellerräume für das Depot.

Die 1968 erbaute Lagerhalle mit einem dreistöckigen Verwaltungsgebäude sieht derzeit überhaupt nicht nach einem „spannenden Raumerlebnis“ aus. Aber da steht Merkert schon an einem innerhalb weniger Tage zusammengeklebten Modell der neuen Projektentwickler. An einer Flanke der nackten Lagerhalle soll eine zehn Meter hohe gläserne „Mall“ als Eingangshalle entstehen – ein repräsentativer Blickfang, der die gläserne Vergangenheit des Hauses symbolisiert. Und die Gegend? Das stille Wohnviertel zwischen Linden-, Ritter- und Alte Jakobstraße sei „absolut zentral gelegen“, sagt Merkert. Und ein prominenter Nachbar in Blickweite: Das Jüdische Museum an der Lindenstraße liegt schräg vor dem neuen Standort der Berlinischen Galerie.

Das neue Objekt gehört der Münchener Industriebau AG DIBAG. Die bietet Grundstück, Gebäude und den Umbau für 22,4 Millionen Euro an. Mit den 16,8 Millionen von der Deutschen Bank sei das Projekt weitgehend zu realisieren, wenn das Verwaltungsgebäude per Mietkauf erworben werde, sagt Flierl-Mitarbeiter Klemke.

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