Berlin : Vom Braten und Baden

Tagesspiegel-Redakteur Matthias Oloew las aus seinem Buch über das Kreuzberger Prinzenbad – am Originalschauplatz

Daniela Martens

Die Sonne versinkt hinter der Rutsche. Es ist „Badeschluss“ im Prinzenbad in Kreuzberg. Das haben die Lautsprecher blechern verkündet. Der letzte Badehosenträger, der im Gegenlicht zwischen den Becken geduscht hat, ist längst in den Kabinen verschwunden. Und doch wird die Menschengruppe auf der steinernen Tribüne am Sportbecken immer größer. Alle sind angezogen. Dort, wo sonst Handtücher, Strandtaschen und Sonnenanbeter liegen, stehen Mikrofone, Stühle und ein elektronisches Klavier.

Die Pianistin Angela Stoll beginnt zu spielen. Dazu rauscht, gurgelt und plätschert das Wasser im Becken hinter ihr in die Abflussrinne. Und dann legt Sängerin Jeannette Urzendowsky – auch Chanson-Nette genannt – los: „Es baden sich zur gleichen Zeit wohl 100 000 Beine“, singt sie – frei nach Kurt Tucholsky. „Mensch Matthias, wie bist du bloß auf die wahnsinnige Idee gekommen, ein Buch übers Prinzenbad zu schreiben?“, ruft sie. Tagesspiegel-Redakteur Matthias Oloew sieht sie belustigt an, rückt sein Mikrofon für die Schwimmbad-Lesung zurecht. Wo sonst hätte der leidenschaftliche Frühschwimmer, der hier fast täglich morgens seine Bahnen zieht, aus seinem Buch „Prinzenbad. 50 Jahre Eintauchen in Kreuzberg“ lesen sollen?

„Matthias Oloew ist morgens immer der Frischeste in der Redaktion“, sagt Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt, der den Abend moderiert. „Ich werde jeden Tag mindestens einmal gefragt, ob ich gerade aus dem Urlaub komme“, ergänzt der braun gebrannte Oloew und beginnt zu lesen – von seinen morgendlichen Kurzurlauben, bei denen er einige sehr seltsame Prinzenbadbesucher kennengelernt hat. Die alte Frau im Pailletten-Badeanzug zum Beispiel, die immer vor dem Baden ein fettiges Hähnchen isst. Das Bratöl, das an den Händen zurückbleibt, verwendet sie „zur Körperpflege“ für Haut und Haare, bevor sie so präpariert ins Becken steigt.

Die Zuschauer auf den Steinstufen kichern bei jeder Anekdote. Ganz offensichtlich erkennen sie ihre Mitschwimmer wieder. „Man hatte beim Zuhören immer das Gefühl: Ja, so ist es hier wirklich“, sagt die 55-jährige Monika Wojak hinterher begeistert. Sie schwimmt seit 20 Jahren jeden Morgen im Prinzenbad.

Aber auch „fremde“ Zuhörer sind gekommen: Editha Rochow aus Reinickendorf wollte sich das Prinzenbad mal aus der Nähe sehen. Und hat sich jetzt vorgenommen, auch zum Schwimmen vorbeizukommen – trotz des weiten Weges. Nicht abgeschreckt von der „Hähnchenfrau“? „Nein, dann steige ich eben ins andere Becken“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar