Berlin : Vom Fall zum Menschen

Offenheit und klare Sprache: „Kommunikation“ heißt das Zauberwort in den Fachgesellschaften. Sie sagen: Im Umgang mit Patienten können Ärzte noch einiges lernen. Experten empfehlen Kurse

Marc Neller

Der Mann, der im Zimmer des Chefarztes sitzt, ist arglos. Er ist frisch verliebt, er spielt wieder Fußball, er hat seit Wochen keine Beschwerden. Er glaubt, den Krebs besiegt zu haben. Er glaubt, der Arzt habe ihn in die Klinik bestellt, um ihm das zu sagen. Er irrt sich.

Doch es vergehen quälend lange Minuten, bis er das erfährt. Die Ergebnisse der letzten Untersuchung – leider gebe es ein Problem. Der Mann unterbricht den Arzt mit Fragen. Je konkreter sie werden, desto komplizierter die Ausführungen des Arztes. Irgendwann gesteht dieser: „Die Chemotherapie hat nicht den Erfolg gebracht, den wir uns erhofft haben. Ich fürchte, Sie sind austherapiert.“ Der Mann versteht nicht. Austherapiert heißt, die Medikamente schlagen nicht an, vermutlich auch keine anderen mehr. Kann sein, der Mann hat noch einige Jahre zu leben. Vielleicht bleiben ihm nur Monate.

Ein Seminarraum im ICC, Krebskongress in Berlin. Die Szene ist, der Schwere der Krankheit wegen, ein dramatisches Beispiel dafür, was in einem Gespräch zwischen Arzt und Patient schief gehen kann. Sie ist nachempfunden für ein Seminar, in dem fünf Ärzte ihren Umgang mit Patienten schulen. Der Mann, der im Rollenspiel den Patienten gibt, sagt, das Gespräch habe im Alltag so ähnlich stattgefunden. Damals sei er der Arzt gewesen.

Offenkundig sehen Kliniken und medizinische Fachgesellschaften heute Nachholbedarf bei der Verständigung mit dem Patienten. Eine Vielzahl internationaler Studien zeige, „dass kommunikative Kompetenzen durch praktisches Training erworben und verbessert werden können“, sagt Carsten Schwarz von der Berliner „Arbeitsgemeinschaft Kommunikation und Interaktion in der Medizin“ (KIM). Die Auswirkungen guter Kommunikation wirkten sich auf die Zufriedenheit der Patienten aus – und auf den Verlauf der Erkrankung. Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) erhob erst vor wenigen Wochen das Kommunikationsgeschick von Ärzten zu einem der Top-Themen ihres Jahrestreffens in Berlin. „Leider stellen viele Krankenhäuser nicht genügend finanzielle Mittel für die Fortbildung ihrer Mitarbeiter bereit“, beklagte Joachim Jähne. Er leitet die Akademie für chirurgische Weiterbildung und praktische Fortbildung der DGCH.

Gleich, ob ein Arzt einem Patienten eröffnen soll, dass er Krebs hat oder ob er eine harmlose Diagnose erklärt: Er müsse klar und verständlich sagen, was auf sein Gegenüber zukommt. So der Tenor der Experten. „Im richtigen Ton kann man alles sagen“, glaubt Patric P. Kutscher, Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Kommunikation und Training im Gesundheitswesen (DIKTIG). „Wenn zum Beispiel ein Patient Krebs hat, dann sollte man im Gespräch auch den Begriff Krebs verwenden. Und in keinem Fall sollte man die Ernsthaftigkeit der Erkrankung herunterspielen“, rät Herbert Kappauf, Facharzt für psychotherapeutische Medizin. „Es ist für solch ein Gespräch wichtig, dass ein Arzt mit spontanen Gefühlen zurechtkommt – mit denen des Patienten, aber auch mit den eigenen.“ Zwei Fähigkeiten bezeichnet Kappauf als „für einen guten Arzt elementar“: Zu erkennen, was Patienten erwarten. Und nur Fragen zu beantworten, die gestellt werden. Das gebe einem Patienten das Gefühl, gehört und verstanden worden zu sein.

Was in der Theorie einfach und selbstverständlich erscheinen mag, sieht in der Praxis oft anders aus. Das hat auch DIKTIG-Chef Kutscher festgestellt. Kutscher hat im Unfallkrankenhaus Berlin in Marzahn seit 2003 fast 120 Mitarbeiter geschult: Klinikdirektoren, Chefärzte und Pflegepersonal. Seine Diagnose: teilweise akutes Aufmerksamkeitsdefizit. Ein Arzt habe bei einer Visite höchstens fünf Minuten Zeit für den Patienten. „Oft läuft das Gespräch so, dass der Patient erzählt, was ihm fehlt. Nach maximal 30 Sekunden unterbricht ihn der Arzt und spricht selbst zwei Minuten lang. Der Patient ist frustriert, weil er noch Dinge mitzuteilen oder zu fragen hat.“ Hörte der Arzt dem Patienten zu, so glaubt Kutscher, könnte er sich und dem Patienten Frust ersparen. „Wir haben beobachtet, dass ein Patient zwei Minuten braucht, um loszuwerden, was ihn bewegt. Der Rest bleibt dem Arzt.“ Also verordnet der Trainer den Ärzten mehr Ruhe. Mit Erfolg, wenn man dem Ergebnis einer Patientenbefragung glauben darf. Demnach ist die Zufriedenheit der Patienten nach der Schulung von 84 auf 90 Prozent gestiegen.

Seit vergangenem Sommer nutzt die orthopädische Abteilung das Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum (AVK) in Berlin-Schöneberg ein spezielles Computerprogramm. In einem eigenen Zimmer können sich Patienten, die ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt bekommen, mit Hilfe eines auf sie abgestimmten Programmes ausführlich über die bevorstehende Operation informieren: Was passiert bei der Operation? Welche Risiken bringt sie mit sich? Wie lange dauert die Genesung? Auch für die Klinik hat das Programm einen nicht unwillkommenen Effekt: „Wenn die Patienten zu uns kommen und schon gut vorinformiert sind, spart das uns Ärzten eine Menge Zeit“, sagt Heino Kienapfel, der Direktor der Chirurgischen Klinik im AVK.

Dass die Krankenhäuser mit relativ einfachen Mitteln einen großen Effekt erzielen können – sogar finanziell–, davon ist Hartwig Bauer überzeugt, der Generalsekretär der Chirurgenfachgesellschaft DGCH. Kommunikationsdefizite seien die häufigste Ursache dafür, dass Patienten ihren Ärzten Behandlungsfehler vorwerfen. „Viele Vorwürfe ließen sich vermeiden, wenn sich Patienten durch ihren Arzt ausreichend beachtet und ernst genommen fühlten“, glaubt Bauer.

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