Berlin : Vom Graben zwischen den Generationen

Suzan Gülfirat

Jeden Montag im Tagesspiegel: ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen.

Das Familien-Blutbad von Augsburg und das Attentat auf den Hamas-Führer Ahmed Jassin beherrschten in der vergangenen Woche die türkischen Zeitungen. Ein Artikel in der Europa-Beilage der Milliyet beschäftigte sich allerdings mit Problemen, die das Leben in Deutschland für viele mit sich bringt: „Wir haben unsere Kinder verloren“, stand am Dienstag in der Überschrift. Und: „Professor Dr. Armagan hat 684 türkische Familien in Deutschland befragt. Die Eltern sind unglücklich, weil sie die Beziehung zu den Kindern verloren haben. Diese wiederum fühlen sich von den Eltern unterdrückt.“

In dem Bericht ging es um die Ergebnisse einer zehn Jahre andauernden Studie, die besagen, dass es zu einem „kulturellen Kampf“ und „ernsthaften Bruch der Beziehung zwischen den Generationen“ gekommen ist. Bei der Studie haben die Universität Izmir und die Universität Gießen zusammengearbeitet, stand in dem Milliyet-Text. Befragt wurden Familien aus deutschen Millionen-Städten, darunter auch Berlin. „87 Prozent der Eltern beklagen, dass ihre Kinder lernunwillig sind. 52 Prozent meinten, dass sie nicht arbeiten wollen“, berichtete die Zeitung. „Während wir Geld verdienen, verlieren wir unsere Kinder“, sollen 48 Prozent der befragten Eltern gesagt haben. Deshalb würden 34 Prozent von ihnen sogar bereuen, jemals nach Deutschland gekommen zu sein. Die Milliyet zählt detailliert auf, was die Erwachsenen sonst noch am in Deutschland aufgewachsenen Nachwuchs bemängeln: „Sie rauchen (23 Prozent), sind in schlechten Kreisen (21 Prozent) und wollen nicht mehr in die Türkei zurückkehren (20 Prozent).“

Was wiederum zeigt, dass die türkischen Eltern nur wenig über die Vorstellungen ihrer Kinder wissen. Tatsächlich geben nämlich 87 Prozent der befragten Nachfahren (von denen ein Viertel nicht mehr zu Hause wohnt) an, dass sie nicht mehr in die Türkei zurückkehren wollen. Was die Eltern ebenfalls unangenehm überraschen dürfte: „78 Prozent sagen: Ich bin frei und kann leben, wie ich will.“

Die Analyse der Wissenschaftler klingt für das türkische Familienleben ernüchternd: Die erste Generation ist in Deutschland demnach fremd geblieben und hat auch den Anschluss an die Türkei verpasst. Die zweite Generation ist bei ihrem Versuch, es allen recht zu machen, zwischen die Räder geraten. Die dritte Generation wurde durch Assimilation verdeutscht, hat dadurch mit den Älteren große Probleme. Gelöst werden kann der Konflikt laut Analyse nur, wenn es die nachfolgenden Generationen schaffen, beide Kulturen in ihr Leben zu integrieren.

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