Berlin : Vom Hausbesetzer zum Hausbesitzer

Einst lieferten sie sich mit der Polizei Schlachten um abrissreife Häuser – heute sind viele Aktivisten deren Eigentümer

Christian van Lessen

„Greiser & Dobritz“ sagt den meisten Anwohnern der Kreuzberger Naunynstraße nichts. Viele Jahrzehnte ist es her, dass hier Süßes in einer Fabrik entstand. Im Jahr 1968 schien der Gebäudeblock zwischen Naunyn-und Mariannenstraße abrissreif. Weitere 13 Jahre standen die Häuser leer, bis sie in der Hochphase der Hausbesetzerzeit 1981 „instandbesetzt“, später über Mietverträge zum Frauenzentrum „Schokofabrik“ wurden. Nun wollen die Frauen die drei Gebäude, die zu den ersten besetzten Häusern gehörten, kaufen: Ein Beispiel für die wundersame Wandlung einer Szene – aus Hausbesetzern wurden und werden Hausbesitzer.

Rund 150 Projekte wurden „legalisiert“, meist als Hausgemeinschaften, aber auch als Gewerbe-, Kultur-, Jugend- und Nachbarschaftszentren. Die grüne Bundestagsabgeordnete Franziska Eichstädt-Bohlig bescheinigt vielen Projekten eine „enorme Integrationsleistung“. Die Beteiligten seien „reif und älter“ geworden, beinahe bürgerlich. Und nahezu verwischt sind die Spuren einstiger Aktionen, die Beteiligten sind verzogen oder überwiegend Mieter, Besitzer, oft sogar Eigentümer der Häuser geworden.

Das größte Projekt legalisierter Hausbesetzungen ist die benachbarte „Luisenstadt“-Genossenschaft an der Mariannenstraße. Sie allein verwaltet 19 Häuser rund um den Heinrichplatz und eines an der Rigaer Straße in Friedrichshain. Silke Fischer und Heinrich Schücker waren schon als Hausbesetzer dabei, Vorstandsmitglied Halis Sönmez nur als Augenzeuge, weil er in einem Nachbarhaus wohnte. Damals, sagt Silke Fischer, habe Innensenator Heinrich Lummer (CDU) „die Napoleonnummer durchgezogen. Schade, dass erst Steine den Dialog in Gang setzen mussten“. Die Abrisshäuser sind später mit Hilfe der „Vaterfiguren“ Werner Orlowsky (einst grüner Baustadtrat) und Hardt-Walther Hämer (Architekt und Stadtplaner) behutsam saniert worden. Ist etwas ungepflegt, ein Spielplatz in der Nähe etwa, machen die Genossen den Bezirk verantwortlich.

Die Luisenstadt-Genossenschaft steht mit ihren 356 Mitgliedern beispielhaft für eine zunehmend bürgerliche Einstellung. Da gibt es zwar in etlichen Häusern – zwei Drittel davon sind innerhalb der Genossenschaft selbstverwaltet – noch Großküchen für alle Wohnparteien. Aber etliche Genossen, die zu günstigen Mieten wohnen, wollen ihre Wohnungen oder Häuser selber kaufen, weil sie gut verdienen oder geerbt haben. Andererseits musste die Genossenschaft das Blockheizkraftwerk stilllegen, es drücken 100 000 Euro Gewerbesteuernachzahlung. „Wir sind in der Realität angekommen, vom Bildungsniveau verbürgerlicht, der politische Zusammenhalt existiert nicht“, sagt Vorstand Silke Fischer.

Mehrheitlich links-alternativ aber ist die Stimmung, es gibt basisdemokratische Treffen. Der Sitzungssaal des Aufsichtsrates könnte mit seinem modernen, stählern und gläsern wirkenden Ambiente auch in einem normalen Unternehmen stehen. Im heftigen Kontrast steht dazu das beschmierte Georg-von-RauchHaus neben dem ebenfalls einst besetzten Künstlerhaus Bethanien. Das Rauch- Haus am Mariannenplatz gehörte zur ersten Hausbesetzerphase vor 1980. Auch wenn die Zeit hier stehen geblieben scheint, gibt es im Jugendzentrum Mietverträge für rund 40 Bewohner, darunter auch Familien. Über hohe Betriebskosten ärgert sich auch „Carsten K.“, schimpft über das „marode Dach“. Der Gewerbehof „Kerngehäuse“ an der Cuvrystraße oder das selbstverwaltete Nachbarschaftszentrum „Regenbogenfabrik“ an der Lausitzer Straße gelten als etabliert. Die Regenbogenfabrik nahm jetzt erstmals am Tag des offenen Denkmals teil. Das Tacheles in Mitte, einst besetzt, ist weit über Berlins Grenzen bekannt.

Matthias Klipp, ehemals grüner Baustadtrat in Prenzlauer Berg, heute Geschäftsführer der Stadterneuerungsgesellschaft S.T.E.R.N., war an der Legalisierung von insgesamt 55 besetzten Häusern im Bezirk beteiligt. Es habe sich „viel soziales Engagement“ gebildet. Das bestätigt auch Franziska Eichstädt-Bohlig, die in den achtziger Jahren mit der „Stattbau“-Gesellschaft Häuser sanierte.

Zuletzt wurde über die Sanierung des besetzten Gebäudekomplexes Brunnenstraße 7/8 in Mitte zweieinhalb Jahre verhandelt. „Die sind jetzt ganz normale Mieter“, berichtet Ralf Hirsch von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. An einer neuen Fassade steht: „Seid realistisch, fordert das Unmögliche“. Etliche Fenster in den Höfen sind, undenkbar zu alten Hausbesetzerzeiten, mit Blumen geschmückt.

In der Kreuzberger Schokofabrik gibt es efeugrüne Fassaden, Werkstätten, Seminarräume, ein Café, kleine Gärten und im Keller ein türkisches Hamam-Bad: Die 50 Frauen, unter ihnen nur noch eine Hausbesetzerin von damals, sind stolz auf das, was sie als Besitzerinnen geleistet haben. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft GSW will das Grundstück los werden. „Für uns ist der Kauf die einzige Chance, alles zu erhalten“, sagt Stefanie Hömberg vom Vorstand der „Genossinnenschaft“, noch fehlen 30 000 Euro.

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