Berlin : Vom Hof direkt in den Kiez

Solidarische Landwirtschaft heißt ein neuer Trend, dem immer mehr Berliner folgen Regionale Höfe beliefern Stadtteilgruppen mit Lebensmitteln. Und die Zeit der Erntedankfeste beginnt.

Jessica Tomala
Morgens geerntet, abends gegessen. Christian Heymann vom Gatower Vierfelderhof liefert zentral an eine Stadtteilgruppe, die die Verteilung selbst übernimmt. Foto: Mike Wolff
Morgens geerntet, abends gegessen. Christian Heymann vom Gatower Vierfelderhof liefert zentral an eine Stadtteilgruppe, die die...

Acht Leute, die sich bis vor kurzem nicht kannten, sitzen im „Coffee Break“ in der Moabiter Jagowstraße. Die Jüngste ist 23, der Älteste 63 Jahre alt. Sie alle haben unterschiedliche Berufe: Orgelbauer, Studentin, Buchhändler. Gemeinsam haben sie eins: Sie sind Mitglieder einer Gemüse-Versorger-Gemeinschaft.

Johannes Schilcher kommt als Letzter zum Mitgliedertreffen – mit einem prall gefüllten Rucksack. „Einer konnte seinen Anteil nicht abholen, also können wir den Rest aufteilen. Wer möchte Äpfel?“ Zwei Teilnehmer melden sich. Lina Rehork, die Jüngste, und Wolfgang Freitag, der Älteste. Dann wird kurz diskutiert, am Ende hat Freitag Glück. Auch Kohlrabi, Schnittlauch, Schnittsalat, Petersilie und Tomaten werden aufgeteilt.

Solidarische Landwirtschaft nennt sich das Modell, an dem in Berlin neun Höfe beteiligt sind. „Das Prinzip ist simpel: Ein fester Personenkreis nimmt einen Teil der Ernte eines Hofes zu einem festen Preis pro Monat ab“, sagt Frank Viohl, Berater für Regionalentwicklung, der bereits vier Höfe bei der Gründung von Versorgergemeinschaften unterstützt hat. „Einmal pro Woche liefert der Hof Obst und Gemüse an eine zentrale Stelle im Bezirk, die von der Gruppe ausgesucht wird.“

In der Versorgergemeinschaft in Moabit liegt diese zentrale Stelle in der Gotzkowskystraße. Jeden Donnerstag von 14 bis 18 Uhr können die Mitglieder ihre Gemüseanteile dort abholen. „Jeder stopft sich dann seine fünf Jutebeutel voll und geht schwer beladen nach Hause“, sagt Lina Rehork.

Seit Anfang Mai gibt es die Gemeinschaft in Moabit. 50 Euro pro Monat zahlt jedes der 19 Mitglieder für seinen Gemüseanteil. Der Preis sei vergleichsweise niedrig, meint Johannes Schilcher. „Es ist billiger als in Brandenburg auf dem Markt, und die kleinen Bioläden sind eh unbezahlbar.“ Mit der Verpflichtung, den monatlichen Betrag für den Hof zu zahlen, tragen die Mitglieder aber auch ein gewisses Risiko. „Einmal gab es keinen Dill. Der hatte schön angesetzt, aber die Blattläuse haben ihn dann doch zunichtegemacht“, sagt Wolfgang Freitag.

Doch warum lässt man sich direkt vom Hof beliefern und kauft nicht einfach im Bioladen? „Ich habe zwei Kinder und finde es wichtig, dass sie wissen, wo die Lebensmittel herkommen“, sagt Constanze Buffi, 28 Jahre alt. Dem 60-jährigen Georg Regenhart geht es vor allem um die Frische der Lebensmittel: „Morgens geerntet, abends gegessen.“

„Das Besondere ist, dass die Mitglieder die Lebensmittel nicht anonym bekommen, sondern sich direkt am Hofleben beteiligen und soziale Kontakte knüpfen“, sagt Ulrike Netzker von der Fördergemeinschaft Ökologischer Landbau Berlin-Brandenburg. Dies sei auch der Unterschied zu den Lebensmittelkisten, die bis vor die Haustür geliefert werden und bei denen sich der Verbraucher die gewünschte Lieferung selbst zusammenstellt. „Wir können einen Trend in Richtung Solidarische Landwirtschaft verzeichnen. Aber auch die Lieferung der Lebensmittelkisten wird sehr stark in Anspruch genommen“, sagt Netzker. Das Ökodorf Brodowin zum Beispiel liefert wöchentlich um die 1500 Körbe für Berlin, Potsdam und das Umland aus.

Doch auch die Höfe profitieren von der Solidarischen Landwirtschaft. Bei einer Auftaktveranstaltung für eine Versorgergemeinschaft in Charlottenburg nannte Katharina Reuter, Leiterin des Vierfelderhofes in Gatow, die Vorteile: „Wir haben einen festen Abnehmerkreis, und der Hof kann mit festen Einnahmen rechnen.“ Die Mitglieder würden den Hof außerdem mit vier Hofeinsätzen im Jahr unterstützen.

Und Hilfe können die Höfe in der nächsten Zeit jede Menge gebrauchen, denn die Zeit der Erntedankfeste beginnt wieder. Viele Kirchen brauchen für die Erntedankfeste frisches Obst und Gemüse zur Zierde ihrer Gabentische. Höfe, die ein Erntedankfest veranstalten, bieten den Besuchern ihre frischen Waren auch zum Verkauf an – da muss fleißig geerntet werden.

Einen festen Termin für das Erntedankfest, bei dem die Christen Gott für die Gaben der Ernte danken, gibt es übrigens nicht. Die katholischen Gemeinden in Deutschland feiern dieses Fest erst am ersten Sonntag im Oktober, die evangelischen Gemeinden meist am 29. September, dem Michaelstag, oder an dem Sonntag davor oder danach. Doch in einigen Stadtteilen wurde das Erntedankfest bereits Anfang September veranstaltet.

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