Berlin : Vom Leben gezeichnet

Vier Frauengeschichten und ein turbulenter Sommer in Hellersdorf: Der Comic-Künstler Mawil bedient sich aus seiner eigenen Biographie

Lars Törne

Manche Menschen reisen um die halbe Welt, um Abenteuer zu erleben und Inspiration zu finden. Markus Witzel reiste im vergangenen Mai von Mitte nach Hellersdorf. Und verbrachte dort einen der aufregendsten Sommer seines Lebens. Gemeinsam mit 50 Künstlern aus aller Welt lebte und arbeitete er vier Monate lang in einem leer stehenden Plattenbauhochhaus. Einiges von dem, was Mawil, so sein Künstlername, damals erlebte, hat der 26-Jährige für die Nachwelt festgehalten. Sein gerade erschienenes Comic-Buch „Wir können ja Freunde bleiben“ erzählt von den vier großen Leidenschaften, die Mawil in seinem jungen Leben bislang erfahren hat. Von der ersten Liebe aus dem Religionsunterricht über das Mädchen aus der katholischen Jugendgruppe, die Flirtbekanntschaft aus dem Sommerurlaub bis hin zur wilden Spanierin, die den Sommer in Hellersdorf so aufregend machte. Mit flottem Strich gezeichnet und selbstironisch geschrieben, ist Mawil ein unterhaltsames Dokument jener unerfüllten Sehnsüchte gelungen, die wohl jeder Heranwachsende mal erlebt hat. Vielleicht hätten so „Die Leiden des jungen Werther“ ausgesehen, wenn Goethe ein Comic-Zeichner gewesen wäre.

Entstanden ist das Buch am Ende jenes Sommers in Hellersdorf. Immer noch, ein halbes Jahr später, ist dem jungen Zeichner die Mischung aus Euphorie und Sehnsucht anzumerken, wenn er von jenen Monaten erzählt: Von den gemeinsamen Bade-Ausflügen und den Karaoke-Partys, den spontanen Frühstücken, bei denen am Küchentisch zehnsprachig geplaudert wurde, oder von den Tagen, als Mawil mit einer Künstlerin zusammen vor dem Haus eine gigantische Sonnenuhr auf den Boden malte – mit ihrem Plattenbau als Zeiger. Zum Zeichnen kam Mawil lange Zeit kaum. Auch seine Diplomarbeit, die Ende des Sommers fällig war, vergaß der Kommunikationsdesigner gern. Vor allem, weil er sich in besagte Spanierin verguckt hatte. Aber irgendwann wurde der Druck immer größer, auch hatte er die Stimme seines Verlegers im Ohr, der ihm nahe gelegt hatte, doch mal wieder eine persönliche Geschichte zu erzählen. Das hatte Mawil zuvor schon getan. Einen Namen hat er sich aber vor allem gemacht mit fiktiven Geschichten. Seine meisterhaft gezeichnete Erzählung „Strandsafari“ zum Beispiel schildert die märchenhafte Irrfahrt eines Hasen, der sich in ein Menschen-Mädchen verliebt.

An einem Tag im vergangenen August war die Idee zum neuen Buch dann reif: Wie im Rausch schrieb Mawil die vier großen Frauengeschichten seines bisherigen Lebens herunter. Er fügte die Bilder zu pointierten Szenen zusammen und entschärfte Begebenheiten, die ihm allzu peinlich waren durch Slapstick. Wie jene dramatische Nacht, als er ein letztes, verzweifeltes Mal um das Herz der Spanierin kämpfte. Sieben Wochen später war die Diplomarbeit fertig. Sein Professor gab ihm eine Eins, seit einer Woche ist das Buch im Handel. Und was wurde aus der Spanierin, Muse des Zeichners und Projektionsfläche seiner unerfüllten Sehnsucht? „Wir sind Freunde geblieben“, sagt Mawil.

Mawil: „Wir können ja Freunde bleiben“, Reprodukt-Verlag, 12 Euro. Einen Überblick über das Schaffen von Mawil gibt noch bis Ende Januar die Ausstellung „10 Jahre Mawil Comix“ in der Comicbibliothek in der Tucholskystraße 32 in Mitte (Mo-Fr 14-20 Uhr).

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