Berlin : Vom Preis der Mobilität

Wolfram Siebeck

im Zwiegespräch mit seinem Haustier Bei einem der seltenen Nach-Tisch-Gespräche (wenn sie satt ist, schläft sie lieber, als mit uns zu reden) hat Frau Hoffmann einmal zu erkennen gegeben, wie sehr sie leidet, wenn sie morgens wach wird und spürt, dass sie allein im Haus ist. Deshalb kündigen wir es an, wenn wir über Nacht wegbleiben. Selbstverständlich deponieren wir genügend Katzenfutter, was sie ebenso selbstverständlich als völlig ungenügendes Entgelt für unsere Hartherzigkeit bezeichnet. Da der Begriff „seelische Grausamkeit“ aus der Mode gekommen ist, seit Popstars ihre morosen Eheprobleme dem Boulevard anvertrauen, bleibt es jedoch beim fruchtlosen Genörgel über unsere „extreme Mobilität“. Diesmal interessiert sie sich zusätzlich für den Grund unserer Reisepläne: „Warum müsst ihr denn zur Buchmesse nach Frankfurt?“

„Um Freunde und Bekannte zu treffen.“

„Habt ihr denn nicht genug Besucher hier? Der Weinkeller ist bereits halb leer!“

„Es geht in Frankfurt nicht nur um Wein.“

„Ich weiß. Es geht um Literatur, nicht wahr?“

„Sagen wir: Es geht um Bücher.“

„Na und? Ist das nicht dasselbe?“

„Nur gelegentlich. Das Buch transportiert Wissen, selten Geist.“

„Und du? Was transportierst du? Weinflaschen, wie ich dich kenne.“

„Nur für den Eigenbedarf, bitte!“

„Ist der Geist denn nicht auch nur für den Eigenbedarf einiger Ästheten bestimmt?“ Die Zeit, die ich brauche, um mir eine passende Antwort zurechtzulegen, verbringt sie mit der Fellpflege. Die betreibt sie mit solchem Genuss, dass ich mich frage, ob es nicht auch für mich angenehmer wäre, zu Hause zu bleiben und ein Bad zu nehmen, als nach Frankfurt zu brettern. Ich könnte den Weinkeller aufräumen, eine Dose Ölsardinen essen und ein gutes Kochbuch lesen. Aber da kommt die Memsahib ins Zimmer, gestiefelt und geföhnt, und verabschiedet sich von der Katze.

Frankfurt wird wie immer furchtbar werden. Zu heiß, zu voll, schlechte Luft. Also werde ich zu Frau Hoffmann sagen, wenn sie am nächsten Tag hinter der Haustür auf ein Fazit unserer Kurzreise wartet: „Zu heiß, zu voll, schlechte Luft.“

„Wo, auf der Autobahn?“

„Ja, da auch. Überall. Da hast ja keine Ahnung, wie gut du hier aufgehoben bist, Luxuskatze!“

„Nur dass ich hier keine Bekannten treffe“, wird sie dann wohl vorwurfsvoll sagen. Typische Provinzlerin. Ich werde auf ein Fenster zeigen: „Und was siehst du hier, wenn du auf der Fensterbank liegst? Du siehst das Eichhörnchen unter den Bäumen, die Finken in den Büschen und die Tauben auf dem Dach. Sicher siehst du auch Mäuse da unten und die Nachbarn mit ihren Hunden, das sind doch alles Bekannte von dir, oder irre ich mich? Außerdem ist es hier nicht voll, nicht heiß, und wenn du von einem Zimmer ins andere wechselst, wirst du nicht angerempelt, niemand tritt dir auf die Füße.“ Und da sie dann wohl so interessiert an meiner Tragetasche schnuppert, füge ich hinzu: „Und niemand schenkt dir kiloschwere Verlagsprospekte, die du stundenlang mit dir herumschleppst, obwohl du weißt, dass du sie nie studieren wirst.“

„Ich würde gerne Chemie studieren,“ wird sie vielleicht unerwartet maunzen.

„Warum um Himmels willen ausgerechnet Chemie?“

„Damit kann man Karriere machen. Wie Frau Merkel.“ Ich sage ihr dann nicht, dass Frau Merkel Physik studiert hat. Ich habe früher auch Physik stets mit Chemie verwechselt, deshalb hatte ich in beiden Fächern schlechte Noten. Frau Merkel muss aufpassen, dass sie nicht die BRD mit der DDR verwechselt.

— Der Autor ist Deutschlands bekanntester Gourmetkritiker und kennt sich auch bei Katzen aus. Ganz besonders bei Frau Hoffmann, seiner schlauen Mitbewohnerin. Sie hat zu allem etwas zu sagen.

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