Berlin : Vom Rentierknochen zum Columbushaus

Buch über Denkmäler in Tiergarten erschienen – erste komplette Liste seit 1893

Matthias Oloew

Das älteste Zeugnis menschlicher Anwesenheit in Berlin ist 28 Zentimeter lang und etwa 3,4 Zentimeter stark. Es ist eine Rengeweihstange, schätzungsweise aus dem elften Jahrhundert vor Christi Geburt, die damals als Stoßwaffe genutzt wurde. Gefunden haben sie im Frühsommer 1956 Bauarbeiter am Spreeufer, in etwa sieben Meter Tiefe, beim Ausschachten des Tunnels für die U-Bahn zwischen Wedding und dem Zoologischen Garten. Nachzulesen ist das in dem gestern vorgestellten Buch über die Denkmale im Tiergarten. Nach den Bänden zu Wedding und Mitte hat das Landesdenkmalamt damit den dritten Band zum Großbezirk Mitte vorgelegt, so dass es nun erstmals seit 1893 wieder eine Gesamtdarstellung aller Denkmale in der historischen Mitte Berlins gibt.

Das größte Denkmal gibt dem ehemaligen Bezirk seinen Namen: Es ist das Gartenbaudenkmal Tiergarten. Aber auch der Zoologische Garten ist Teil der 233 Punkte fassenden Denkmalliste Tiergartens, wie auch das Gefängnis Moabit, die erhaltenen Teile der Meierei Bolle am Spreeufer, die berühmte AEG-Turbinenhalle von Peter Behrens, die Philharmonie, die Neue Nationalgalerie und der Reichstag.

Der besondere Reiz dieses Kompendiums liegt darin, dass es dem Mietshaus in der Elberfelder Straße die gleiche Aufmerksamkeit widmet wie dem Schloss Bellevue. Alles Wissenswerte ist zusammengetragen, verbunden mit aktuellen und historischen Fotos. Das Buch eigne sich besonders für Investoren und Entscheidungsträger, sagte Landeskonservator Jörg Haspel, da es „eine ausgezeichnete Grundlage für zukünftige Planungen bildet, da sie offen legt, wo Denkmalbelange zu berücksichtigen sind.“

Abgesehen davon ist es eine interessante Lektüre für alle, die sich für die Stadtgeschichte interessieren. Es bietet einen zwar sehr sachlichen, aber umfangreichen Abriss der Geschichte Tiergartens und erläutert zum Beispiel aus der fachkundigen Feder des Gartenbaudenkmalpflegers Klaus von Krosigk die Bedeutung des Tiergartens als Gartendenkmal. Das Gleiche gilt für das Hansaviertel, das 2007 als Zeugnis der Interbau-Ausstellung seinen 50. Jahrestag feiert. Das Hansaviertel zählt zu den größten Denkmalen, die als Ensemble geschützt sind, ebenso wie das Kulturforum. Aber auch das in seiner Fläche riesige Krankenhaus Moabit ist geschützt. In der Darstellung wird neben den bauhistorischen Details auch über Robert Kochs bahnbrechende Experimente im Desinfektionspavillon berichtet und in einem Satz darüber informiert, dass das Krankenhaus im Zuge der Reform 2002 geschlossen wurde.

Das Denkmalamt bereitet weitere Bücher dieser Art vor. Als nächster Bezirk ist Friedrichshain-Kreuzberg an der Reihe. Das Buch zu Friedrichshain sei bereits fertig und komme im nächsten Jahr auf den Markt, so Haspel. Am Kreuzberger Band werde noch geschrieben. Auch eine Denkmalliste für Tempelhof-Schöneberg ist in Arbeit.

Landesdenkmalamt Berlin (Hg.): Denkmale in Berlin, Bezirk Mitte, Ortsteile Moabit, Hansaviertel und Tiergarten, Michael Imhof Verlag, 358 Seiten, 34,80 Euro

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