Berlin : Vom Staatschef zum Häftling im offenen Vollzug - in Hakenfelde ist man bereit

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Heute, 18 Uhr 30, Berliner Stadtbibliothek, Breite Straße 36: Egon Krenz tritt das letzte Mal in Freiheit öffentlich auf. Wenn der erste Band der Gedenkschrift über den DDR-"Abweichler" und Philosophen Wolfgang Harich vorgestellt wird, ist auch der letzte DDR-Staats- und Parteichef dabei. Hermann Beyer wird lesen, Gisela May wird singen. Egon Krenz wird zuhören. Eine Nacht hat der einstmals Allgewaltige dann noch Zeit, bevor er in der Strafanstalt Hakenfelde verschwindet. Morgen muss und wird er seine Strafe antreten.

Eigentlich wird erst das der letzte "Auftritt" sein, denn Krenz denkt gar nicht daran, sich etwa "heimlich in die Haft zu schleichen", wie sein Anwalt Robert Unger gestern zum Tagesspiegel sagte. Wenn die Bundesrepublik Deutschland es für nötig halte, den letzten DDR-Chef ins Gefängnis zu stecken, dann wolle dieser auch kein Versteckspiel betreiben, sagt Unger. Krenz hält die Strafe ohnehin für "Freiheitsberaubung aus politischen Gründen". Gegen elf Uhr am Donnerstag wollen Krenz und Unger an der Niederneuendorfer Allee in Spandau-Hakenfelde erscheinen, was also bedeutet, dass der Strafantritt nicht unter fehlender Öffentlichkeit leiden wird.

Ein Stoppsignal könnte in letzter Minute höchstens noch das Kammergericht setzen. Krenz hat bei der Justiz Strafaufschub beantragt, bis der Europäische Menschengerichtshof über seine Klage gegen die Verurteilung entschieden hat. Staatsanwaltschaft und Landgericht haben das bisher abgelehnt, Unger hofft heute noch auf eine Entscheidung der Berufungsinstanz.

Am 8. November hatte der Bundesgerichtshof die Freiheitsstrafen im so genannten Politbüro-Prozess wegen Totschlags an der DDR-Grenze bestätigt: Sechseinhalb Jahre Strafe für Egon Krenz, jeweils drei Jahre für Günter Schabowski und Günther Kleiber. Am 2. Dezember wurde ihnen die Ladung zum Strafantritt zugestellt. Da diese Ladung mit einer 14tägigen Frist verbunden ist, müssen die Verurteilten am Donnerstag in Hakenfelde erscheinen. Kleiber hat inzwischen allerdings aus familiären Gründen Aufschub bis Mitte Januar erhalten. Laut einer deutschen Pressagentur will er sich um seine kranke Frau kümmern. Hinter Gitter müssen die ehemaligen Politbüro-Größen, wie berichtet, jedoch nicht. Hakenfelde ist eine Anstalt des so genannten offenen Vollzuges, die keine Mauern und Gitter kennt. Bei diesen Häftlingen wird keine Fluchtgefahr angenommen. Wer einem Beruf nachgeht, bekommt täglich für die Arbeitszeit frei. Für Aufenthalt und Verpflegung muss er dannn sogar bezahlen. Nur nachts besteht in jedem Fall Anwesenheitspflicht in der 9,5 Quadratmeter großen "Einzelunterkunft".

Krenz war im Oktober 1989 Staats- und Parteichef geworden. Im Dezember desselben Jahres trat er zurück. Im Januar 1990 schloss die SED-Nachfolgerin PDS ihn aus ihren Reihen aus. Gestern abend sollte er aber bei den Sozialisten in Prenzlauer Berg doch einen Abschied erhalten.

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