Berlin : Vom Tag der Schande zum Tag des Glücks

Ein Leben zwischen Pogromnacht und Mauerfall: Die Karikaturistin Barbara Henniger wurde am 9. November 1938 geboren

Lothar Heinke

Jeder Ost-Berliner hat seine eigene Geschichte vom 9. November 1989. Die hat sich eingegraben, wird vererbt an die, die nicht dabei waren, als urplötzlich der helle Wahnsinn ausgebrochen war. Wie bei Barbara Henniger, der bekanntesten Karikaturistin der DDR: „Wir feierten meinen 51. Geburtstag, genossen erst Händels ,Giostino’ in der Komischen Oper, um dann zum Festmahl zur Tochter nach Weißensee zu fahren. Und da steht im Fernsehapparat der Ruprecht Eser und erzählt, wie die Leute aus dem Osten durch die Mauer gehen. Einfach so. Nanu? Was ist da los? Wir packen das Essen ein, dazu eine Flasche Sekt, schnappen uns noch einen Blumenstrauß, springen in den „Wartburg“ und fahren zum Orte des unwahrscheinlichen Geschehens an die Bornholmer Brücke. Lange vorher hupte es aus allen Richtungen, die Leute schrien, juchzten, sprangen rum. Alles quetschte sich durch ein kleines Tor, das große war noch zu. Ich rief egalweg ,Ich hab’ nämlich heute Geburtstag!’, drückte einem Grenzer den Blumenstrauß in den Arm, aber der durfte ihn nicht annehmen, wir sanken Unbekannten in die Arme und überfielen schließlich mit dem Befreiungsruf ,Wir sind hier!’ eine Weddinger Kneipe. Die haben gedacht, da kommen Männchen vom Mars, so blöde guckten die, weil: Sie hatten noch gar nicht geschnallt, was da draußen los war. Dann haben wir ihnen die historische Botschaft überbracht – und sind wieder zurück. Seitdem bin ich versöhnt mit meinem Geburts-Tag“.

Das war der 9. November 1938. Dieses negativ beschwerte Geschichtsdatum war für die Künstlerin kein Tag zu unbeschwerter Ausgelassenheit. „Je mehr ich erfuhr, was damals in Dresden geschehen ist, desto depressiver wurde ich. Da war mir bis zu meinem 50. Geburtstag nicht zum Feiern zumute. Freiwillig, von der Öffentlichkeit geduldet und gebilligt, hatten sich damals, als ich zur Welt kam, Dresdner an den Ausschreitungen beteiligt – ein Schock. Und eine Schande, wie sie die Synagoge, einen Bau von Gottfried Semper am Terrassenufer, abgefackelt haben. Mich hat das verfolgt, erst recht, als wir durch Filme, Bücher und Menschenschicksale vom ganzen Ausmaß des Nazi-Terrors gegen die Juden und Andersdenkende erfuhren“. Nein, dieser 9. war kein schöner Tag, an dem es außerdem immer diese dunklen Chrysanthemen gab, während Frühlings-Schwesters Geburtstag nach Maiglöckchen duftete und die Sommer-Schwester zwischen Kirschen, Birnen und Sommerblumen feiern durfte. „ Aber irgendwie hing das alles zusammen: Was 1938 begann, haben wir bis 1989 ausbaden müssen. Dass die Geschichte dann am 9. November ’89, also 51 Jahre später, diese Wendung genommen hat, ist ein Glück, das ich tagtäglich genießen kann.“

Rückblende zur Geschichte von Barbara Henniger: Das Mädchen aus „Dräsden“ soll bereits im Vorschulalter Karikaturen gekritzelt haben, sagt man; später studierte sie Architektur, wurde aber lieber Journalistin, schrieb ehrliche Reportagen im „Sächsischen Tageblatt“ und lief dann doch exakt am 9. November 1967 mit ihrem Umzug ins randberlinische Strausberg endgültig in die Sparte Humor mit spitzer Feder über. Die freischaffende Karikaturistin war nun Lebens-, Überlebens- und überhaupt Künstlerin, voll von Groll über das Blöde im Leben und voller Zuversicht über den in etwa fünftausend Jahren zu erwartenden Sieg über die Mikrobe der menschlichen Dummheit. Seit 36 Jahren bezeichnet sie den „Eulenspiegel“, das bunte Ventilblatt der DDR, in dem es heute weniger zimperlich als damals zugeht, wenn die Satire Zustände aufs Korn nimmt.

Barbaras praktische Linke hat sechs Bücher voll gezeichnet, ist an vielen anderen Publikationen beteiligt, macht Ausstellungen (gerade zu ihrem 65. Geburtstag in Strausberg), kriegt dauernd Preise und sagt, sie habe sich zu DDR-Zeiten immer als Seelsorger empfunden: „Die Leute lechzten danach, dass die, die das konnten, zu Papier brachten, was sie dachten, aber was nicht ausgesprochen werden durfte – Sklavensprache in Allegorien“.

Vieles ging durch, manches war „zu gut“, um gedruckt zu werden – daraus hat sie Druckgrafiken gemacht und ausgestellt. Heute kann sich jeder artikulieren, keiner braucht mehr Cartoons als Stellvertreter. „Ich identifiziere mich mit dem gesellschaftlichen Überbau, befürworte demokratische Verhältnisse, möchte die alte DDR nicht wiederhaben, weil ich froh war, sie los zu sein“. Dennoch gibt der Parlamentarismus, das ganze System samt seiner Bürokratie, die unvollendete Einheit und das ewige, systemübergreifende menschlich, allzu Menschliche genug Stoff für Ein- und Ausfälle.

„Um von der Übermacht der täglichen Ereignisse, Zwänge, globalen Hiobsbotschaften nicht erschlagen zu werden, schlage ich zurück, zeichne an gegen Ohnmachtsanfälle und Lähmungserscheinungen. Vom Objekt des Geschehens verwandle ich mich zum Subjekt – auf dem Papier“. Und wie viele Zeichnungen haben Sie bis jetzt gemacht, Frau Henniger? „Wenn man alle meine Striche aneinander knoten und auf ein Knäuel wickeln würde, könnte ich mir davon sicher einen Pullover, einen langen Schal und einen Handschuh häkeln“. Aha.

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