Berlin : Vom Winde verweht

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VON TAG ZU TAG

Andreas Conrad über den verfliegenden Untergrund von Berlin

Die Welt ist noch immer viel zu wenig erforscht. Gewiss, man weiß dies und das, aber was die Welt im Innersten zusammenhält, bleibt nach wie vor offen. Zum Beispiel diese pompösen Sandfiguren, die gestern nahe der Oberbaumbrücke fertiggestellt und der Prämierung preisgegeben wurden: Welchen Kleber haben die nur ins Wasser gemixt, auf dass Sandkorn für Sandkorn liegen bleibt, solange man nur nicht daran rührt? Doch auch die Antwort auf diese existenzielle Frage würde nur ein Oberflächenphänomen interpretieren, nicht die Zusammenhänge von geologischem Untergrund und der darauf mehr oder weniger gedeihenden Gesellschaft. Wäre die Berliner Geschichte vielleicht ganz anders verlaufen, wenn sich die Stadt nicht auf Sand hätte gründen müssen? Wäre der Typ des Berliners bei lehmigem Lebensgrund womöglich erdiger ausgefallen, solider im Lebenswandel wie auch in der Haushaltsführung, der privaten wie auch der öffentlichen, deren Entwicklung man als besonders trist ansehen muss? Bisweilen scheint es gar, als breite sich ein riesiges Feld Flugsand unter der Stadt, ein gähnender, alles verschlingender Schlund, aus dem es kein Entrinnen gibt, hat man nur einen Schritt zu weit getan. Die Sandskulpturen liefern dazu die leicht verfliegenden Metaphern, mögen sie nun einen Januskopf darstellen oder den Turm von Babylon. Es blase nur der Sturm einer wirtschaftlichen Dürreperiode über sie hinweg, und schon hilft kein Wasser mehr, weder mit noch ohne Klebstoff. Korn für Korn flieht die Schönheit dahin, ein Sinnbild allen Lebens, aber vor allem auch der Stadt Berlin. Noch darf man sich Hoffnung machen, dass unter dem Pflaster neuer Sand zu finden sei, Baustoff für neue Statuen der Vergänglichkeit. Aber gesichert ist auch das schon lange nicht mehr.

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