Berlin : Von Beate Wedekind, Event-Produzentin

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Wie soll es der Stadt im kommenden Jahr ergehen? Wir haben Prominente gefragt. Ihre guten Wünsche für ein glücklicheres Berlin lesen Sie hier bis Weihnachten. Heute: EventProduzentin und Romanautorin Beate Wedekind.

Am Hackeschen Markt treffe ich Abend für Abend einen Mann, der – auf ein dickes, weißes Federkissen wie auf eine Wolke gebettet, ein freundliches Lächeln in seinem verwirrten Gesicht - mit ausgestreckter Hand um etwas Geld bittet. Sein Blick jagt von rechts nach links, von links nach rechts - als wäre er der Schiedsrichter am Centercourt von Wimbledon. Pausenlos ruft er den vorbei eilenden Passanten hinterher: „Wo willste denn hin?" Manche wenden irritiert ihren Kopf. Kaum einer hält inne. Und nur sehr wenige werfen ihm rasch ein paar Cents in die Hand – oft auch daneben – und hasten weiter. Wenn dann jemand, wie ich das gelegentlich auf dem Heimweg vom Büro nach Hause tue, ihm außer Geld auch etwas Aufmerksamkeit widmet und mit einem: „Du, ich geh jetzt was essen" oder „Du, ich hab noch einen Termin" tatsächlich antwortet, dann kommt mit einem scharf vorurteilendem Unterton wie aus der Pistole geschossen sein lakonisches „Warum?". Dann lache ich mich selbst aus und ihn an. Er schenkt mir sein liebevollstes Lächeln, und das Eis meines Tages ist gebrochen. Ich wünsche mir, dass mehr Menschen kurz am Hackeschen Markt bei dem liebenswerten Fremden in Not anhalten, ihm nicht nur ein paar Euros in die Hand legen, sondern sein „Wo willste denn hin?" als Botschaft verstehen und versuchen – zumindest für sich selbst – die Antwort zu finden. rcf/Foto: dpa

DAS TÄGLICHE TÜRCHEN

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