Berlin : Von Berlin nach Beirut: Terroristenjäger beginnt seine Arbeit

Im Auftrag der UN: Drei Monate hat Oberstaatsanwalt Detlev Mehlis Zeit, die Mörder des früheren libanesischen Ministerpräsidenten zu finden

Katja Füchsel

Von Aufregung keine Spur. Detlev Mehlis schafft es, selbst solche Sätze fast gelangweilt auszusprechen: „Die Uhr hat angefangen zu ticken.“ Heißt: Die Zeit der Planungen ist vorbei. Auf den Tag genau drei Monate bleiben dem Berliner Oberstaatsanwalt Detlev Mehlis, um den Mord an dem früheren libanesischen Ministerpräsidenten Rafik Hariri aufzuklären. Drei Monate, um den Attentäter zu stellen und Syrien eine mögliche Beteiligung an dem Mord nachzuweisen.

Papiere rascheln, sonst hört man nichts. Am Telefon klingt es, als säße der 55-Jährige nebenan in seinem Büro am Berliner Kammergericht. Doch seit drei Wochen lebt Mehlis in Beirut. Der Generalsekretär der Vereinten Nationen Kofi Annan hat ihn zum Chef des internationalen unabhängigen Ermittlungsteams ernannt. Gestern Abend wollte Annan vor den Sicherheitsrat der UN treten und offiziell verkünden: Das Team ist arbeitsfähig. Damit tickt die Uhr.

Am heutigen Freitag will Mehlis in Beirut eine internationale Pressekonferenz geben, „zum Auftakt der Ermittlungen“. Neben ihm wird an den Mikrofonen sein „Chief Investigator“ Platz nehmen: Gerd Lehmann vom Bundeskriminalamt (BKA). „Ihn habe ich mir persönlich gewünscht und ausgesucht“, sagt Mehlis. Er kennt Lehmann seit 15 Jahren, hat mit ihm schon das Attentat auf das Maison de France in Berlin aufgeklärt. Später begleitete ihn der BKA-Mann auch nach Libyen, um wegen des Anschlags auf die Diskothek La Belle zu ermitteln. Und jetzt also Hariri.

Auf Mehlis’ Berliner Schreibtisch dürfte sich inzwischen die erste Staubschicht gelegt haben: Vier Wochen ist es her, dass Mehlis ins Flugzeug nach New York gestiegen ist, wo er von Generalsekretär Annan offiziell seinen Auftrag entgegennahm. Vor drei Wochen begannen in Beirut die Vorarbeiten: Das Team zusammenstellen, ein geeignetes Hauptquartier suchen, die ersten Besuche abstatten… Mehlis zählt die Stationen herunter: „Beim Präsidenten, beim Premierminister, beim Innen-, Außen- und Justizminister, bei der Familie von Hariri.“

Sein Büro ist nur ein Provisorium. Am 1. Juli wird Mehlis mit seinem Stab umziehen, ins Hauptquartier: Ein Hotel an einem Berg, namens „Monte Verde“, das die Libanesen für das Ermittlungsteam freigeräumt haben. Mehlis’ Mannschaft steht inzwischen auch: Es sind rund 70 Leute aus 17 Ländern – unter anderem aus Kanada, Finnland, Indien, Chile, Kenia, Ägypten und der Schweiz. Die für die Sicherheit zuständigen Experten hat die UN ausgewählt, die Ermittler Mehlis selbst. Dass rund zehn Prozent der Fahnder aus Deutschland kommen, die Kommission fast „ein deutsches Gesicht angenommen“ habe, liegt vermutlich daran, dass Mehlis bei der Auswahl seiner Mitarbeiter lieber auf praktische Erfahrungen in der Zusammenarbeit setzt als auf die Lektüre von Lebensläufen.

Sein Auftrag klingt prekär. Als im Februar eine Autobombe Ministerpräsident Hariri und 20 andere in den Tod riss, kam schnell der Verdacht auf, dass Syrien in den Mord verstrickt sein könnte. Verbündete Syriens werden auch nach den jüngsten Wahlen noch im libanesischen Geheimdienst vermutet, in der Polizei, in der Armee und der Politik. Mehlis nennt keine Details, Mehlis sagt nur: „Es gibt hier einen überaus großen Sicherheitsaufwand.“ Sollte der Ermittlungs-Chef nach drei Monaten keine Beweise liefern, kann das UN-Mandat um drei weitere Monate verlängert werden. Dann ist endgültig Schluss.

Bislang läuft es ganz gut: Die Kooperation mit den libanesischen Behörden funktioniere „reibungslos“. Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) habe den Einsatz zur Chefsache erklärt und bereits jetzt „jede mögliche Hilfe“ geboten. Für eine Woche hat das BKA vier Sprengstoffexperten aus Deutschland geschickt, um den Tatort zu untersuchen. Direkt vor der Ruine eines alten Hotels war die Autobombe explodiert, als der Konvoi von Rafik Hariri vorbeifuhr. Sie drückte Betonpfeiler ein, zerstörte Dutzende Autos, tötete Leibwächter und unbeteiligte Fußgänger. „Der Tatort ist bis heute abgesperrt und streng bewacht“, sagt Mehlis. Deshalb konnten die vier Experten noch Interessantes „beispielsweise über Sprengstoffmenge und Ablageort“ zu Tage fördern.

Geht es um Terrorismus, gilt Mehlis in Berlin als Ermittler Nummer 1. Trotzdem weiß er bis heute nicht, wie er zu dem UN-Job gekommen ist. Er war mit seiner Frau gerade im Urlaub auf Mallorca, als die UN anfragte, ob der Berliner Terrorismus-Experte nicht auch im Auftrag der Vereinten Nationen arbeiten wolle, um den Hariri-Mord aufzuklären. Mehlis zögerte keine Sekunde. „Da kann man nicht Nein sagen.“

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