Berlin : Von Beruf Mensch

Massimo Rocchi jongliert im Wintergarten mit Sprache und Bällen und er schneidet Grimassen – um selbst Kind zu bleiben

Lothar Heinke

Wenn die Leute animiert und guter Dinge aus dem Wintergarten kommen, dann haben sie so etwas Versonnenes im Gesicht, ein zufriedenes Lächeln erhellt für einen Moment die Potsdamer Straße, die Mundwinkel sind jedenfalls oben, zumindest bis zum nächsten Bus. Der kollektive Gleichklang optimistischer Lebensfreude ist jenem Menschen zu verdanken, der sich zwei Stunden lang auf der Varieté-Bühne alle Mühe gegeben hatte, seinem Publikum auch noch den letzten Funken Misslaunigkeit wegzupusten. Und da er die Hauptrolle spielt, ist das ganze Programm nach ihm benannt – „Circo Massimo“.

Massimo Rocchi, der italienische Wahlschweizer, kommt aus der Kulisse und erzählt lauter Geschichten, schlüpft in viele Charaktere, spricht ein halbes Dutzend Sprachen, karikiert als überzeugter Europäer die halbe EU, er spielt mit Vorurteilen und jongliert dabei mit der Sprache wie mit Bällen. Er ist ein Mann, der irgendwie alles kann. Er ist Sprachakrobat, als Schüler von Marcel Marceau natürlich Pantomime. „Gnadenlos komisch und abgrundtief ironisch“ fand die „Badische Zeitung“ Massimos Euro-Schau, und auch wir können seinem Grimassen-Repertoire ein „Ausgezeichnet“ verpassen. Allein Rossinis Figaro und Kahns Torwächtergetue sind Paradenummern eines Gesichtsmuskelspielers, der in seinem Berufsleben wahrgemacht hat, was einst die italienische Großmutter als Drohung verstanden wissen wollte: „Wenn du nicht brav bist, geben wir dich im Zirkus ab“. Irgendwie muss der sanfte, einfühlsame Mensch nicht brav gewesen sein, denn sie haben ihn wirklich in die Manege geschubst – oder er war selbst an diesem Schicksal schuld, das ihn nun durch die Kleinkunstbühnen und Varietés Europas treibt.

Massimo Rocchi, heute 48 Jahre alt, studierte in Bologna Theaterwissenschaft, absolvierte mehrere Ausbildungen im Schauspiel und produzierte schließlich seine eigenen Shows in Italienisch, Französisch, Spanisch, Schwyzerdütsch und Deutsch. Und: in einer eigenen Körpersprache, gelenkig von der krausen Stirn bis zum großen Zeh. Wenn er seine Dressurnummer als „Hubertus Graf von Reitenau aus Lipizza“ abzieht, dann rennt er im Schritt, Trab und Galopp, unten das Pferd, oben der Reiter, die Illusion ist perfekt. Wie sieht sich dieser Darsteller selbst, was ist er denn nun eigentlich? „Ich bin Schauspieler“, sagt er, nippt am Latte Macchiato, wiegt den Kopf, „und eigentlich bin ich von Beruf Mensch und habe einen Job, der es mir ermöglicht, Kind zu bleiben“. Kinder sehen vieles anders als „die Großen“, Massimo, das große Kind, sagt: Wenn all seine Beobachtungen ins Programm fließen würden, müsste es Stunden dauern. Und dann guckt er noch fünfmal täglich Videotext, um ja nix zu verpassen von der Welt, um seine Ein-Mann-Show auch ein wenig zur Tagesschau zu machen.

Und Berlin? Was flüstert ihm die Stadt ins Ohr, in der er an den Festtagen, auch Silvester und sogar am 80. Geburtstag seiner Mama, auf der Bühne steht? Die Stadt sei, weil es doch gerade zu Weihnachten passt, ein goldener Engel, die Else sei ein schönes Symbol für diesen „anregenden, aufregenden und unkonventionellen Ort, der noch am Wachsen ist, ein Reißverschluss zwischen Ost und West, eine Stadt, die so schöne große Bürgersteige hat – „hier bin ich ein glücklicher Fahrradfahrer“.

Und wenn man einkaufen geht, dauert das mit aller Herzenswärme eine Stunde, in München wird das in zehn Minuten erledigt. Zum Fest traf sich hier die Familie Rocchi, zwei Töchter kamen aus der Schweiz, aus Düsseldorf Frau Dagmar, „die Ingenieurin meiner Texte“.

Massimo beherrscht mehrere Programme mit je zwei Stunden, aber ins gefräßige Fernsehen möchte er damit nicht – wenn schon Fernsehen, dann einmal zu Gast bei Sandra Maischberger oder bei Harald Schmidt. Das wäre ein Genuss.

„Circo Massimo“ – bis 14. Januar im „Wintergarten“, Karten: 25 00 88 88

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