Berlin : Von Chaos und Kakerlaken

Prominente zeigen ihr MoMA- Lieblingswerk: Entertainerin Gayle Tufts mag Jackson Pollocks „Number 1, 1948“

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Die Entertainerin Gayle Tufts (44) aus den USA lebt heute in Berlin und tritt regelmäßig im TipiZelt oder im Quatsch Comedy Club auf. Mit Gayle Tufts endet heute unsere Serie, in der Prominente ihr MoMA-Lieblingswerk vorgestellt haben.

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Ich werde nie den Moment vergessen, als ich dieses Bild zum ersten Mal gesehen habe. Es hing in einem Raum, der etwa so groß war wie dieser hier in der MoMA-Schau. Drei, vielleicht vier Bilder hingen an den Wänden. Ich muss 17 oder 18 Jahre alt gewesen sein, kam aus einer Kleinstadt aus Massachusetts angereist, stand plötzlich vor dem Bild und dachte: Wow, die Welt ist doch anders! Das Bild ist „mindblowing“, es pustet dir einfach das Hirn durch!

Jackson Pollock verkörpert für mich die dunkle Seite der Nachkriegszeit in den USA. Es wird nicht nur damit geprahlt, dass „wir den Krieg gewonnen haben“. Diese Zeit war auch in den USA chaotisch. Und Jackson Pollock hat das Verklemmte der damaligen Gesellschaft herausgearbeitet. Ich finde das Bild genau deshalb schön. Es ist roh, vielleicht sogar brutal, aber nicht negativ.

Mit dieser Kunst, dem so genannten Actionpainting, hat Pollock die Künstlerwelt damals aufgerüttelt. Das hat der amerikanischen Gesellschaft gut getan, und vielleicht würde es ihr angesichts der aktuellen Situation auch gut tun.

Für mich ist es, als würde ich in der MoMA-Ausstellung alte Freunde wiedertreffen. Damals, als junge Schauspielstudentin in New York, bin ich jeden Dienstag in die MoMA-Schau gegangen. An diesem Tag war der Eintritt nämlich immer frei und für eine Studentin mit wenig Geld war das nicht gerade unerheblich.

Von der Ausstellung habe ich mich förmlich ernährt, im geistigen Sinne natürlich. Sie war ein Ort der Inspiration für mich. In der Ausstellung war es immer sehr ruhig, es war sauber und vor allem gab es keine Kakerlaken wie in meinem Zimmer in East Village. Und überhaupt: Überall hingen diese fantastischen Bilder an den Wänden. Ach, und die Wachleute waren immer sehr nett, die kannten mich zum Schluss sogar persönlich.

Im November kommt die Ausstellung nach New York zurück. Ich versuche gerade, meinen Weihnachtsurlaub so vorzulegen, dass ich rechtzeitig zur Wiedereröffnung dort bin.

Aufgezeichnet von Constance Frey.

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