Berlin : Von Cöpenicks Weltwundern

Und der Hauptmann lebt doch noch – immer sonnabends um elf Uhr. Dann wird vor dem Rathaus die alte Geschichte nachgespielt. Durch Berlins südöstlichste Ecke führt unser sechster Spaziergang, durch Wald und am Wasser entlang. Und zu einem verschwundenen Schloss

Lothar Heinke

STADTTOUR 6: BIERGÄRTEN, BADESTELLEN UND EIN BERÜHMTES SCHLITZOHR

Man nehme: zwei Schauspieler, eine Uniform und ein paar Soldaten mit Pickelhaube. Dann lasse man die Hauptdarsteller reden und die Soldaten marschieren, garniere das Ganze mit etwas Marschmusik aus der Konserve – und fertig ist das Schauspiel um Köpenicks Hauptmann. Hier ist die Straße die Bühne und als Kulisse steht, unverrückbar, das Rathaus. Dort wird, immer mittwochs und sonnabends ab elf Uhr, jene Szene gegeben, die vor 97 Jahren den Ort Cöpenick (der sich übrigens erst seit 1931 mit „K“ schreibt) weltberühmt gemacht hat: die vom Schuster, der sich – auf die Obrigkeitshörigkeit der Menschen vertrauend – als Hauptmann verkleidete, um die Stadtkasse zu stehlen.

„So eine Aktion wäre heute überhaupt nicht mehr möglich“, sagt einer der Zuschauer, die sich an diesem Sonnabend auf dem Trottoir vor dem burgartigen Backsteinbau drängeln. Und aus welchem Grunde, werter Besucher, wäre es heute unmöglich, mit ein paar Soldaten einen Bürgermeister „auf allerhöchste Order“ zu verhaften und sich von ihm das Stadtsäckel aushändigen zu lassen? Weil es keine umhermarschierenden Soldaten mehr gibt? Weil ein Anruf mit dem Handy genügen würde, die Posse zu beenden? Weil sofort eine Soko der Polizei angesaust käme? „Nein“, sagt der Besucher, „das Risiko lohnt doch nicht – in der Kasse ist Ebbe, gähnende Leere. Das weiß doch jeder.“

Das Schelmenstück, das der Köpenicker Friedrich Wilhelm Voigt (öfter mal Zuchthäusler) am 16. Oktober 1906 vollbracht hatte, hat den Ort im Südosten Berlins weltberühmt gemacht. Bücher gibt es darüber, Filme, ein Theaterstück – Köpenick lebt noch heute davon, ganz besonders das Rathaus, der Ort, wo alles geschah. Unzählig oft hat die Pförtnerin Spaziergängern den Hergang erklärt und sie in die Haus-Ausstellung geschickt: Dort, im ehemaligen Tresorraum, steht die berühmte Geldkassette, damals waren 4000 Mark und 37 Pfennige drin. Der Titel der sehenswerten Schau ist Carl Zuckmayers Stück entnommen: „Unterordnen – jewiß! Aber unter wat drunter?!“ Und die wohl treffendste Karikatur zur Sache stammt von Thomas Theodor Heine für eine „Spezial-Nummer Cöpenick“ des Simplicissimus: Der König von Norwegen überreicht dem Hauptmann den Friedensnobelpreis, weil es ihm gelungen sei, den Militarismus lächerlich zu machen.

Die Staatsräson spielt übrigens auch bei einer anderen berühmten Köpenicker Begebenheit die wichtigste Rolle. Im Wappensaal des Schlosses fand am 28. Oktober 1730 jene berühmte Kriegsgerichtsverhandlung statt, in der Leutnant von Katte, der Freund des jungen Kronprinzen, der später Friedrich der Große werden sollte, zum Tode verurteilt wurde. Die beiden jungen Leute hatten nach England fliehen wollen, die Sache war aufgeflogen, und Friedrichs Vater, der Soldatenkönig, wollte ein Exempel statuieren. Der König schrieb: „Wenn das Kriegs-Gericht dem Katten die Sentence publiciert, soll ihm gesagt werden, dass es Sr. K. M. leydt täte. Es wäre aber besser, dass er stürbe, als dass die Justiz aus der Welt käme.“ Ja, in Köpenick war schon einiges los. Und heute?

Ist Köpenick so groß wie noch nie. Seit dem 1. Januar 2001 hat sich Treptow hinzugesellt. So entstand der größte Berliner Bezirk mit rund 233000 Einwohnern – mehr als in den Landeshauptstädten Magdeburg oder Kiel. Hier leben die Menschen zwischen Wasser und Wald: Zwischen Treptower Park und Schmöckwitz breitet die Natur geradezu verschwenderisch ihren Teppich mit blau-grünem Muster aus. Da fließt im Südosten See an See, da liegt der Müggelsee wie ein blaues Auge zwischen den Villenstädtchen Müggelheim, Karolinenhof, Rahnsdorf und Friedrichshagen. Und da liegt auch Wendenschloss, jener Ort, an dem der Wanderer vergebens nach einem Schloss sucht. Anfang des letzten Jahrhunderts hatte nämlich ein Wirt sein Restaurant am Rande der Wendischen Spree (heute die Dahme) „Wendenschloss“ genannt; es existiert jedoch nicht mehr.

Und dann könnte man Spaziergängern noch von den „Sieben Köpenicker Weltwunder“ erzählen, damit sie erkennen, wie diese südöstlichsten aller Berliner ticken. Ein Wunder: dass ausgerechnet in der Straße „Freiheit“ das Gefängnis lag. Oder: dass der Ratskeller früher im Obergeschoss des Rathauses war. Noch eines: dass ein Lehrer in Köpenick Dummer hieß – und ein Arzt Dr. Todt.

Was für Sie heute ein „Wunder von Köpenick“ wäre? fragen wir den Chef des Heimatmuseums, Claus-Dieter Sprink, und die Leiterin der Tourismusinformation, Kerstin Kirste. „Ich wünsche mir wieder ein ordentliches Restaurant am Müggelturm“, sagt sie. Und der Chef des Heimatmuseums wünscht sich „eine belebte, attraktive Altstadt“ und den Mut der Verantwortlichen, bald den Verkehr rauszuschmeißen aus der Innenstadt. Das sind die aktuellen Probleme im schönen Köpenick – dem Spaziergänger an Wasser und Waldessaum bleiben sie freilich so fern wie die Windräder am Horizont hinter Müggelsee und Rahnsdorf.

Zum Schluss aber doch noch mal ein Wörtchen zum Hauptmann. Denn dessen Geschichte war mit dem Diebstahl ja auch noch lange nicht zu Ende. Er wurde erwischt, ganz klar. Aber dann? Nein, er verrottete nicht ihm Gefängnis. Weil der Kaiser so herzlich gelacht hatte über ihn, wurde der Köpenicker schon bald entlassen – und ein Weltstar! Machte seine eigene Geschichte zur Show, reiste durch die Welt und führte sie auf… So, wie noch heute vor dem Rathaus zu Köpenick.

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