Berlin : Von der Rolle des Glücks

Was Gisela May Nachwuchstalent Sophie Berner für ihre Karriere rät

Lothar Heinke

Genau 61 Jahre Abstand liegen zwischen der 21-jährigen Sophie Berner und Gisela May, der Schauspielerin, Sängerin, Diseuse. Die eine steht am Anfang ihrer Karriere, die andere blickt frohgemut auf ihr pralles Künstlerleben zurück. Aber hier, beim Kaffeeplausch in der „Bar jeder Vernunft“, verschwimmen die Zeiten. Wenn die eine temperamentvoll und begeistert von ihrer Kunst erzählt, leuchten die Augen der anderen, und umgekehrt. Sophie ist hingerissen, als sie auf diversen CD’s der May hört, wie die den Brecht und den Weill und den Eisler singt. Gisela May wiederum lobte nach der „Cabaret“-Premiere die blutjunge Sophie als eine Sally, die beim Musical ihren Weg machen wird, „weil sie einfach phantastisch ist“.

Als Gisela May so jung war wie Sophie heute, war der Krieg gerade zu Ende, die Tochter einer Schauspielerin und eines Schriftstellers hatte ihre Theaterausbildung in Leipzig und das Bühnendebüt gerade hinter sich. Dann begann eine beispiellose Karriere: zehn Jahre Deutsches Theater, 28 Jahre Berliner Ensemble, wo sie 13 Jahre mit dem Karren der Courage über die Bühne zog. Und auch schon mal fremdging, mit „Hallo Dolly“ im Metropol-Theater. Als „First Lady des politischen Songs“ reiste sie um die Welt, Brecht, Tucholsky, Kästner, Mehring, Hacks im Gepäck. „In diesem Beruf spielt Glück eine große Rolle“, sagt sie und erinnert sich, wie eines Tages Hanns Eisler in ihrer Garderobe stand und in ihr die Brecht-Interpretin entdeckte. Das ist sie bis heute geblieben, und so rät Gisela May der jungen Sally, sich „etwas Spezielles, Besonderes“ zu suchen, „deine eigene Linie“. Wo ist die Lücke? Nur das Musical? Oder vielleicht sogar eine von den guten alten Operetten? Vielseitigkeit hat noch nie geschadet, Gisela May ist das beste Beispiel dafür. „Das Entscheidende ist die Praxis“, sagt sie, „und die Leidenschaft“. Und das Lächeln der Fortuna. Irgendwann kommt diese launische Diva um die Ecke.

Sophie Berner möchte sich gern auch als Schauspielerin ausprobieren, das studiert sie schließlich gerade in der Bayerischen Theaterakademie. Ihre Rolle in Berlin ist so etwas wie „learning by doing“, aber für den Endspurt vor den Prüfungen geht sie im Dezember zurück an die Isar, da muss sich „Cabaret“ eine neue Sally Bowles suchen. Die netten Menschen von der Bar jeder Vernunft hatten das Plauderstündchen mit den beiden Damen organisiert, weil Gisela May den von ihr gestifteten Chansonpreis beim Bundeswettbewerb Gesang 2005 (1500 Euro) Sophie Berner zuerkannte. Die Münchnerin erhielt zudem ein Jahresstipendium der Günter-Neumann-Stiftung in Höhe von 4520 Euro.

Was werden die Damen als nächstes tun? Sophie macht ihre Prüfung, „und dann mal sehen“. Gisela May macht Workshops mit hochkarätigen Schauspielern, belebt den Bildschirm mit neuen Folgen bei „Adelheid und ihre Mörder“, und am liebsten würde sie dann mal mit ihrer Fernseh-Tochter Evelyn Hamann im „Traumschiff“ spielen.

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