Berlin : Von der Schulbank in den Plenarsaal

Susanne Vieth-Entus

"Früher", ja, da hätte er schnell weitergezappt, wenn Politiker wie Wolfgang Schäuble auf dem Bildschirm erschienen. Jetzt bleibt Lew dran. Folgt gespannt den neuesten Politkrimis, wartet ab, ob er "alte Bekannte" auf der Mattscheibe entdecken kann. Erkennt, wo die Kamera wohl gerade positioniert ist, um die eine oder andere Einstellung einzufangen. Denn jetzt kennt er sich aus im Reichstag und drumherum.

"Früher", das ist jetzt genau 17 Tage her. Das ist die Zeit vor Montag, dem 14. Februar, als Lew Chmelnizki, Schüler des Jüdischen Gymnasiums in Mitte, sein Betriebspraktikum im Reichstagsbüro der (katholischen) CDU-Abgeordneten Annette Widmann-Mauz antrat. Seitdem hat er langwierige Ausschusssitzungen absolviert - und dabei auch über abseitigste Themen der Gesundheitswesens Informationen gesammelt -, aus dem Dokumentationszentrum des Reichstags Material für "seine" Abgeordnete beschafft, aber auch spannende Gesprächsrunden verfolgt, etwa als Angela Merkel die so genannte Junge Gruppe der CDU-Fraktion besuchte. Lew durfte immer "Mäuschen spielen" - Schweigepflicht inbegriffen.

Ja, die Frau Merkel. "Das ist eine selbstbewusste Frau", findet Lew. "Die weiß, was sie will". Und es hat ihm gefallen, dass die Junge Gruppe untereinander lockerer redet - nicht so "förmlich", wie die anderen Zirkel. Aber selbst Wolfgang Schäuble und Gerhard Schröder sind ihm "näher gekommen", seitdem er sich von Angesicht zu Angesicht sah. Jetzt hat er "menschlich einen anderen Eindruck" als den von "früher", als er glaubte, es handele sich bei einem Spitzenpolitiker um eine Art "Übermenschen".

Insgesamt findet der 15Jährige, er habe in den 14 Tagen so viel gelernt wie in der Schule im halben Jahr. Zum Beispiel auch dies: dass es Menschen gibt, die von 8 Uhr morgens bis 1 Uhr nachts arbeiten und dafür eigentlich "relativ wenig verdienen", jedenfalls weniger als sie in der Wirtschaft verdienen könnten, stellt Lew bewundernd fest.

Lews Lehrer Robert Kiehl betreute in diesem Jahr zwei Schüler, die einen Praktikumsplatz im Reichstag ergattert hatten. Eine andere Neuntklässlerin war bei dem berühmten Bündnisgrünen Cem Özdemir gelandet und ebenfalls sehr zufrieden, weiß Kiehl. Er kann sich überhaupt nur an wenige "Reinfälle" bei den Praktika erinnern. Manchmal habe das mit der Ernüchterung der Schüler zu tun angesichts des Alltags in einem vorher erhofften Beruf, manchmal liege es auch einfach daran, dass die "persönliche Ebene" nicht stimme. Es komme vor, dass die Jugendlichen sich über die Rückkehr in die Schule freuten, andere würden viel lieber gleich ganz in der Berufswelt bleiben.

Kiehl, der u.a. Geschichte und Sozialkunde unterrichtet, findet es sehr wichtig, dass die Jugendlichen die Gelegenheit zur Berufsorientierung erhalten. Vor allem für die Realschüler sei dies gut, zumal sie die Praktikumsbescheinigung in ihre Bewerbungen um einen Ausbilungsplatz legen könnten.

Auch Annette Widmann-Mauz ist ganz begeistert darüber, dass Schüler heute in die Berufswelt Einblick gewinnen können. Sie war schon früh politisch "wahnsinnig" interessiert und hätte zu gern so ein Praktikum gemacht. Das war auch der Grund, weshalb sie grünes Licht für Lew gab, der über einen eher zufälligen Kontakt seiner Schwester und aus eigener Initiative an das Büro der Abgeordneten herangekommen war. Es ist ihr wichtig, dass er nicht nur das "glitzernde Bild der Empfänge" zu Gesicht bekam sondern auch die "ermüdende vielfältige Arbeit". "So eine spannende Zeit wie die, die Lew jetzt miterlebt hat, kommt so schnell nicht wieder, sagt die 33-Jährige und erinnert daran, dass in die Zeit seines Praktikums auch der Rücktritt Schäubles fiel. "Lew war hautnah dabei", sagt sie und lobt sein Interesse. Durch seine Fragen habe auch sie selbst profitiert, weil sie dann eher sehe, "wie bestimmte Dinge draußen ankommen". Deshalb würde sie auch wieder einen Praktikanten nehmen, obwohl sie als Vorsitzende der Baden-Württembergischen Frauenunion und als Mitglied unzähliger Ausschüsse und Gremien auch so schon alle Hände voll zu tun hat.

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