Berlin : Von der Wichtigkeit, ernst zu sein

Was Imageberater dem Regierenden Bürgermeister mit auf den Weg geben und wie Wowereit sich derzeit im Fernsehen darstellt – oder dargestellt wird

Ulrike Simon

Berlins Regierender Bürgermeister polarisiert selbst die Imageberater. Haben Klaus Wowereits öffentliche Auftritte im Fernsehen, bei Galas oder Auslandsreisen seinem Image und vor allem seinem Amt geschadet – oder ist die Kritik provinziell und diskriminierend? „Grundsätzlich ist nichts dagegen einzuwenden, wenn ein Bürgermeister gute Laune verbreitet“, sagt zum Beispiel Michael Spreng, der bei der letzten Bundestagswahl Edmund Stoiber und aktuell Jürgen Rüttgers berät. Bei Wowereit habe sich das Image des Partybürgermeisters jedoch „einseitig verfestigt“. So, als nehme er sein staatliches Amt nicht ernst. Dies zu ändern sei jetzt notwendig, brauche aber Zeit. Spreng rät Wowereit, sich künftig „der Partyszene fern zu halten“ und andere, „ernsthafte Fotos zu verbreiten“: Fotos, wie sich Wowereit um integrationswillige Türken kümmert, wie er Aufträge in die Stadt holt oder Wirtschaftsprojekte und Industrieansiedlungen bekannt gibt.

Peter W. Engelmeier, der Politiker und Vorstandschefs aus Industrie und Wirtschaft berät, ist ganz anderer Meinung: „Ein Regierender Bürgermeister hat unter anderem die Aufgabe, sich seinem Volk als jemand zu präsentieren, der auch Spaß versteht.“ So lange es der Regierende nicht übertreibe – und dies habe er nicht getan –, sei Berlin zu beglückwünschen. „Jeder Politiker darf sich auch mal für einen Moment vergessen.“ Ein ehrlicher und unterhaltsamer Politiker, der sinnvolle Dinge sagt, sei wünschenswerter als ein nichtauthentischer asexueller, der sich als Vertreter der Moral aufspiele.

Die Auftritte Wowereits beschäftigen derzeit viele Medien. Am Sonntag war er „Spiegel TV“ einen Beitrag wert. „Rosa Reisefreuden – Mit Politkasper Wowi unterwegs“, lautete der Titel des nicht weniger hämischen Beitrags, der ein Sammelsurium der „peinlichsten Auftritte“ bot. Am Montag wurde der Zuschauer dann Zeuge, wie sich Wowereit und Moderator Claus Strunz, im Hauptberuf Chefredakteur von „Bild am Sonntag“, beim N-24-Talk „Was erlauben Strunz“ gegenseitig der Perfidie bezichtigten.

Wie für die Journalisten sei der Bundespresseball auch für den Bürgermeister ein Pflichttermin. Er habe allerdings „wenig Lust gehabt, jene Chefredakteure zu treffen, die mich zuvor 14 Tage lang wie ’ne Sau durchs Dorf getrieben haben“, begründete Wowereit seine Absage des Balls. „Bild“ hatte nach dem Kuss mit Désirée Nick gefragt, ob Wowereit nun „umgedreht“ sei und ließ dies von einem Medizin-Redakteur diskutieren. Für Wowereit war das „eine Diskriminierung aller schwulen Männer“ und „weckt primitive Anschauungen, die es in der Gesellschaft immer noch gibt“. Auf Strunz’ Entgegnung, schließlich habe Wowereit sein Schwulsein öffentlich gemacht, empörte sich der Regierende darüber, dass dies nun ausgerechnet jene gegen ihn nutzten, die sein Schwulsein instrumentalisierten: „Was wäre passiert, wenn ich es nicht öffentlich gemacht hätte?“

Schließlich ging es doch noch um Politik. Strunz fragte Wowereit, warum er nichts zu aktuellen Debatten beitrage. Wowereit trug dann was bei. Er wies Forderungen zurück. Dies galt sowohl für Jörg Schönbohms Forderung nach einer Ausländerquote für Stadtviertel („dann müssten zwangsweise einige Tausend Ausländer nach Brandenburg gebracht werden“) wie auch für Stoibers Forderung, Einwanderer müssten einen Schwur auf die Verfassung leisten. „Als ob mit all dem irgendein Problem gelöst würde“, sagte Wowereit. „Da wird was rausgehustet, ohne lange nachzudenken. Das bringt Schlagzeilen, sonst nichts, also kann man es auch lassen.“ Eine Debatte wie jetzt nach den Geschehnissen in Holland sei nach fünf Tagen vorbei. Besser sei es, kontinuierlich an einer weltoffenen Gesellschaft zu arbeiten und Toleranz zu leben.

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