Berlin : Von der Zettelwirtschaft zum Hochglanzprodukt

Als kostenloses Stadtmagazin war der „Flyer“ nahezu konkurrenzlos

Tanja Buntrock

Angeblich las der Nachtschwärmer Marc Wohlrabe, gelernter Verlagskaufmann und Sohn des Unternehmers und CDU-Politikers Jürgen Wohlrabe, bis vor kurzem immer noch jeden Flugzettel, der auf eine Party hinwies, vom Trottoir auf. Am nächsten Tag ließ er die Veranstaltungsdaten dann von einem seiner Mitarbeiter nachrecherchieren. Fast so, wie 1994, als die Idee zum „Flyer“ entstand.

In den frühen neunziger Jahren informierten sich die Party-Gänger hauptsächlich über solche Flugzettel – oder Flyer –, auf denen die Szene-Veranstaltungen angekündigt wurden. Sie waren die Verkehrsschilder des Nachtlebens. Welcher DJ legt wo auf? Welcher Club hat neu eröffnet? Welche Party ist heute angesagt? Wohlrabe und seine Kompagnons sammelten diese Papierzettel einfach, hörten sich in der Szene um und stellten dann alles zu einem Hochglanz-Veranstaltungskalender im Hosentaschenformat zusammen.

Und der „Flyer“ wurde so etwas wie der Shooting-Star unter den Veranstaltungsmagazinen. Die beiden etablierten Stadtmagazine „Zitty“ und „Tip“mit ihrem Kultur- und Kinoprogramm hätten die Informationsbedürfnisse der Techno-Szene einfach nicht befriedigen können. Das Techno-Magazin „Frontpage“ am Kiosk kostete Geld; allenfalls das Gratis-Stadtmagazin „030“ zählten die „Flyer“-Macher zu ihren Konkurrenten.

Doch nicht lange nach seiner Gründung weitete der Herausgeber die Themen aus, der Clubführer wurde „stadtmagaziniger“, wie es ein ehemaliger Mitarbeiter formuliert. Theater, Ausstellungen, Literatur, Mode oder die Berlinale gehörten bald ebenso zum Inhalt wie etwa ein Interview mit dem Hip-Hop-DJ Tomekk.

Dafür fing im Gegenzug der „Tip“ damit an, seinen Ausgaben kleine Themenheftchen beizulegen: die besten Restaurants, die szenigsten Clubs etc. Und machte nun dem „Flyer“ Konkurrenz, nicht zuletzt auf dem Anzeigenmarkt.

Und nun? Alexandra Dröner vom „Tresor“, einem der Dinosaurier unter den Berliner Techno-Clubs, meint zwar, dass die Szene „nicht zusammenbricht, nur weil es den ,Flyer‘ nicht mehr gibt“. Aber dennoch: Es sei ein großer Verlust. Schließlich vereinte Wohlrabes Clubführer so viel: „Ein innovatives Layout, spritzige Autoren und Themen, die über die reine Party-Berichterstattung hinausgingen“, sagt Dröner. Der „Flyer“ sei nicht nur ein reines „Spaßmagazin“ gewesen, sondern habe auch „kritisch über die Szene berichtet“.

Jetzt würden die Nachschwärmer eben zu „030“, auch wieder zu „Tip“ oder „Zitty“ greifen, glaubt Dröner. Aber noch will sie hoffen: dass der „Flyer“ nicht endgültig abgestürzt ist.

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