Berlin : Von Friedenau in die Welt

Die Bücher von Sabine Ludwig wurden in viele Sprachen übersetzt Ihre Geschichten spielen oft in ihrem eigenen Kiez.

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Schauplätze vor der Haustür. Sabine Ludwig, Kinderbuch- und Romanautorin, mag den Kiez rund um den Friedrich-Wilhelm-Platz. Foto: Thilo Rückeis
Schauplätze vor der Haustür. Sabine Ludwig, Kinderbuch- und Romanautorin, mag den Kiez rund um den Friedrich-Wilhelm-Platz. Foto:...

Sonntagmorgens, so gegen 10 Uhr, biegt sie mit ihrem Rad um die Ecke und springt schon beim Bremsen vom Sattel. Sabine Ludwig rückt die hochgeschobene Sonnenbrille auf ihrer Bobfrisur zurecht, dann genießt sie beim Schlangestehen vor ihrer Friedenauer Lieblingskonditorei Schrippenduft und Kiezgeplauder. Und während sie langsam zum Tresen im Café Wieslau an der Laubacher Straße vorrückt, hat die 56-jährige Kinder- und Jugendbuchautorin manchmal das Gefühl, geradewegs selbst in eine ihrer Geschichten „hineinzurutschen“ und darin eine Rolle zu spielen. Stünde jetzt plötzlich eine ihrer Hauptfiguren neben ihr in der Reihe, würde sie auch das nicht wundern. Schließlich sind viele Kinder, Jugendliche und Erwachsene, deren Geschichten sie erzählt, wie sie selbst hier zu Hause. Friedenau – das ist Sabine Ludwigs bevorzugte literarische Kulisse.

Einige ihrer Bücher stehen bundesweit auf Bestsellerlisten und wurden in etliche Sprachen übersetzt. Beispielsweise „Hilfe, ich habe meine Lehrerin geschrumpft“, die unglaubliche Geschichte des zwölfjährigen Felix aus einer 6. Klasse der Friedenauer Rheingau-Oberschule. Oder ihr neuester Roman „Painting Marlene“, ein Psychothriller für Jugendliche, der in Friedenau, aber auch anderswo in Berlin spielt. Wer die Bücher liest, kann danach gleich losspazieren und den Spuren der Helden folgen.

Warum macht sie ihren Wohnort zum Schauplatz der Bücher? Sabine Ludwig nimmt einen Schluck Kaffee im Sessel vor der Bücherwand und sagt: „Ich liebe diese Gegend.“ Sie ist zwar in Zehlendorf aufgewachsen, lebt aber schon sehr lange in Friedenau. Dann weist sie zu den Flügeltüren und Sprossenfenstern ihrer gründerzeitlichen Altbauwohnung am Friedrich-Wilhelm-Platz. Auf dem Fensterbrett stehen schon die Mini-Oleander, dahinter geht der Blick auf die Stuckfassade gegenüber.

In Friedenau lebt die Autorin mit ihrem Mann und der 18-jährigen Tochter Emma ein „ganz normales Leben im Kiez“, ohne „aufregende Reisen oder Hobbys“. Die Widrigkeiten des Alltages „sind doch komisch und absurd genug“, sagt sie. Stoff für ihre Geschichten entdeckt sie bei Aldi an der Kasse, auf den S-Bahnhöfen oder auch im Bio-Supermarkt.

Friedenau, das heißt für Sabine Ludwig: „Hier begegnet man noch einem spannenden Mix aus behäbiger Bürgerlichkeit, junger Szene und sozial am Rand stehenden Menschen.“ Das hat sie schon fasziniert, bevor sie sich vor einigen Jahren entschloss, ganz von der freien Schriftstellerei zu leben. Zuvor verfasste sie als Redakteurin Features und Hörspiele für den Sender Freies Berlin (SFB) und schrieb Beiträge für die Kindersendung „Ohrenbär“ des RBB.

Am liebsten erfindet sie Patchworkfamilien oder denkt sich hinein in das Leben Alleinerziehender. Dann bringt sie die Protagonisten in Extremsituationen, in denen auch mal ganz skurrile Dinge passieren. Auf keinen Fall sollte aber „ein perfekter Held wie Winnetou“ dabei sein, sagt Sabine Ludwig und lächelt. „Am spannendsten sind doch die tragikomischen Helden“ – solche wie Emily, Bruno und Sofia im Buch „Die schrecklichsten Mütter der Welt“. Oder eben Felix und Marlene. Die schildert sie mit Witz und Ironie, nimmt sie aber auch sehr ernst.

Felix Vorndran ist derart wütend auf seine Mathelehrerin, aber zugleich auch von Angst vor ihr erfüllt, dass er sich bei einem erneuten Streit mit ihr vorstellt, sie würde so klein wie eine Zigarettenschachtel. Das geschieht dann tatsächlich in „Hilfe, ich habe meine Lehrerin geschrumpft“ – und Felix ist völlig verunsichert, wie er mit dem Problem, das er nun am Hals oder besser: in der Jackentasche hat, umgehen soll. Schließlich findet sich eine überraschende Lösung um Mitternacht auf dem düsteren Dachboden der Rheingau-Oberschule an der Schwalbacher Straße. Felix’ Schule heißt zwar im Buch anders, aber so, wie die Autorin das burgähnliche Schulhaus schildert, wissen die meisten Friedenauer sogleich Bescheid.

„Painting Marlene“, Sabine Ludwigs erster Roman für junge Erwachsene, beginnt ganz in der Nähe. In der Stubenrauchstraße zeigt die Autorin auf ein efeuumranktes Gründerzeithaus. Dort unterm Dach hatte einst ihr Vater, ein Künstler, sein Atelier. Das Treppenhaus war duster. Und genau in diese Dachwohnung zieht auch die 18-jährige Marlene im Roman ein, weil sie nicht mehr mit ihrer Mutter zusammenleben will. Zuvor hat dort ihr verstorbener Vater gewohnt und als Künstler gemalt. Ein großes Porträt seiner Tochter steht noch da – aber Marlene merkt bald, dass es sich unheimlich, wie von selbst, verändert. Wieso? Der Thriller spitzt sich subtil zu, liefert zugleich aus der Sicht Marlenes ein Berlin-Porträt zwischen Prater und Clärchens Ballhaus, Bundesplatz und Künstlerfriedhof Friedenau.

Vor einigen Wochen hat Sabine Ludwig an deutschen Schulen in Paris aus ihren Büchern gelesen. Die Schüler erkundigten sich danach, wo denn dieses Friedenau genau in Berlin liegt. Sie haben sich fest vorgenommen, bei einem Besuch in der Stadt Marlenes Welt zu entdecken. Christoph Stollowsky

Mehr Infos und Leseproben auf

der Internetseite der Autorin unter

www.sabine-ludwig-berlin.de

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