Von Friedrichshain nach Hohenschönhausen : Spielwiese für Künstler

Aus der alten Brauerei an der Landsberger Allee in Friedrichshain müssen die Kreativen ausziehen, doch in Hohenschönhausen entsteht ein Ausweichquartier.

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Kunst mit Kugeln. Noch führt der Weg zum Atelier von Javier Ramirex durchs Tor der alten Brauerei an der Landsberger Straße in Friedrichshain. In absehbarer Zukunft muss er das Areal verlassen.
Kunst mit Kugeln. Noch führt der Weg zum Atelier von Javier Ramirex durchs Tor der alten Brauerei an der Landsberger Straße in...Foto: Doris SPiekermann-Klaas

Das Tor am Eingang ist von Efeu berankt. Dahinter befindet sich ein weitläufiger Hof mit einem Gebäudeensemble aus der Gründerzeit, einst wurde hier Bier gebraut. Vor sechs Jahren hat Daniel Künzel die einstige Patzenhofer Brauerei an der Landsberger Allee 54 in Friedrichshain gepachtet. Ein Zentrum für Kulturschaffende schwebte ihm damals vor, das hat er mittlerweile realisiert. In den Klinkerbauten sind heute 70 Mieter ansässig, Musiker, Designer, Künstler, Lebenskünstler.

Was das Tacheles für Mitte, ist die Patzenhofer Brauerei für Friedrichshain: eine Spielwiese für Kreative, deren Treiben kunstaffine Menschen interessiert beobachten. Lange werden sie das allerdings nicht mehr tun können, denn wie beim Tacheles gibt es auch hier einen Investor, der das Areal gekauft hat. Auf den 8400 denkmalgeschützten Quadratmetern will die Berliner Estavis AG Wohnungen und Gewerbeeinheiten schaffen, zudem gibt es eine große Brache, auf der Neubauten errichtet werden sollen. Gut 43 Millionen Euro lässt sich Estavis das kosten. Es ist typisch Berlin: auf der einen Seite die jungen Kreativen, die das Gelände gegenüber vom Volkspark Friedrichshain zum Leben erweckt haben; auf der anderen Seite ein Finanzinvestor, der in attraktiver Lage Luxuswohnraum schaffen will. Die Konfliktlinie scheint klar gezogen. Doch Pächter Daniel Künzel will sich den Klageliedern, die in solchen Fällen angestimmt werden, nicht anschließen. Er sagt: „Wir haben sehr viel Glück mit dem Investor.“

Glück und Investor – zwei Worte, die man in diesem Zusammenhang selten hört. Künzel sagt jedoch, ihm sei stets bewusst gewesen, dass er das Gelände irgendwann wieder verlassen müsse. Groll gegenüber dem neuen Eigentümer empfindet er nicht, Künzel betont sogar, dass diesem die Interessen der Künstler wichtig sind; dass er ihnen einen „friedlichen Übergang“ ermöglichen wolle. Solange sich das Bauvorhaben noch in der Entwicklung befände, dürften die Mieter bleiben, sagt Künzel.

Dennoch hat sich der ehemalige Musiker vorsorglich nach einem Alternativstandort umgeschaut. In der Genslerstraße in Hohenschönhausen, unweit der Stasi-Gedenkstätte, wurde er fündig. Und weil er nicht wieder auf eine Zwischennutzung setzen will, hat er das Grundstück mit der Hausnummer 14 gleich gekauft. Den Flachbau und den Mehrgeschosser, die sich darauf befinden, will Künzel soweit herrichten, dass im Frühjahr die ersten Künstler einziehen können. „Wir wollen den Kulturstandort verlagern und in Hohenschönhausen etwas Ähnliches aufbauen wie in Friedrichshain.“

Hohenschönhausen also. Klingt erst mal nicht so sexy wie Friedrichshain. Doch wer Künzel mit solchen Bedenken konfrontiert, wird eines Besseren belehrt. Die Gegend entwickle sich gerade unheimlich, in der Nachbarschaft gebe es bereits ein großes Atelierhaus. „Lichtenberg war vor drei Jahren noch imagemäßig am Boden, das hat sich längst geändert.“ Eine ähnliche Entwicklung sagt er nun für Hohenschönhausen voraus. Für die Künstler habe der neue Standort sogar Vorteile: „Sie können hier langfristig planen und ganz andere Sachen realisieren.“ Einige habe er schon für den neuen Standort begeistern können. „Von sechs Leuten, die ich hier rumführe, unterschreiben vier.“ Dass sie in Hohenschönhausen weniger Aufmerksamkeit erhalten, glaubt er nicht. Die Gedenkstätte auf der anderen Straßenseite sei Anziehungspunkt für Besucher aus aller Welt – und die werden sich auch für das neue Kunsthaus interessieren.

Javier Ramirex ist einer der Künstler, die derzeit in der Patzenhofer Brauerei ansässig sind. Er hat hier Ausstellungsräume gemietet, zudem ein Atelier zum Arbeiten. Vor zwei Jahren kam der gebürtige Kolumbianer nach Berlin, zuvor hatte er in New York gelebt. Doch dort sei es für junge Künstler schwer, sich über Wasser zu halten: Teure Mieten, hohe Lebenshaltungskosten. Deshalb ist Ramirex nach Berlin gezogen, Freunde hätten von der Stadt geschwärmt.

Nach seiner Ankunft ließ sich der Künstler in Neukölln nieder und mietete sich in der Alten Kindl Brauerei ein. Durch Zufall kam er am Kunsthaus in der Landsberger Allee vorbei. „Die Gebäude, die Atmosphäre, die Künstler – das alles hat mir wahnsinnig gut gefallen“, sagt der 38-Jährige. Deshalb beschloss er umzuziehen. In seinen Räumen kuratierte er unter anderem die Schau „After Kippenberger“. Gerade bereitet er die nächste Ausstellung vor, am kommenden Sonnabend ist Eröffnung. Die Fotografin Halina Hildebrand hat die Künstler der Patzenhofer Brauerei in Szene gesetzt. Ihre Arbeit trägt den lakonischen Titel „LA 54 – Vanishing?“ und stellt die Frage nach der Zukunft des Ortes. Javier Ramirex hofft, noch bis Mai nächsten Jahres bleiben zu können. Gerne auch länger. Aber ihm ist klar, dass der Investor mit dem Beginn der Bauarbeiten schnellstmöglich loslegen wird. Dann wird auch er weiterziehen müssen. Wohin, sei für ihn derzeit noch offen.

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