Berlin : Von Gorbatschow lernen

Der frühere Staatschef der Sowjetunion diskutierte mit Wilmersdorfer Schülern

Claudia von Salzen

So nahe kommen Schüler der Geschichte nur selten. Wann ist schon mal eine Figur aus dem Lehrbuch zu Besuch in der Schule? Am Montag war Michail Gorbatschow zu Gast in der Wilmersdorfer Hildegard-Wegscheider-Oberschule und sprach vor rund 300 Schülern über das Ende des Kalten Krieges.

Für die Jugendlichen war diese Zeit schon sehr weit weg. „Ihr wart noch gar nicht geboren, als ich die Perestrojka einleitete“, sagte der frühere sowjetische Staatschef und bemühte sich, diese Zeit für die Schüler lebendig zu machen. Er erzählte von der atomaren Bedrohung, von den beiden großen Blöcken und dem Wettrüsten: „Es gab so viele Waffen, dass man die ganze Weltbevölkerung tausendmal hätte vernichten können.“ Es hätte leicht zu einem Krieg kommen können, betonte er – schon allein deshalb, weil die Steuerungssysteme der Raketen nicht richtig funktionierten. „Wir standen kurz vor der Katastrophe.“ Es ist sehr still in der Aula, als Gorbatschow das erzählt.

Die Schüler erfahren, dass es Gorbatschow offenbar nicht leicht gefallen war, mit den USA über Abrüstung ins Gespräch zu kommen. Als er nach seinem ersten Treffen mit Ronald Reagan gefragt wurde, was er von dem US-Präsidenten gehalten habe, sagte er: „Das ist ein moderner Dinosaurier des Kapitalismus.“ Aber auch Reagan hatte anfangs keine hohe Meinung von Gorbatschow: „Ein engstirniger Bolschewik“, soll er geurteilt haben.

Auf Gorbatschows Besuch hatten sich viele der Oberstufenschüler vorbereitet und im Unterricht über die atomare Abrüstung gesprochen. „Es war gut, dass wir uns damit beschäftigt haben“, sagte ein Schüler später. „Alles verstanden habe ich trotzdem nicht.“ Viel Zeit für Fragen blieb am Ende nicht. Die Schüler, die die mit Hilfe des „Petersburger Dialogs“ zustande gekommene Diskussion selbst organisierten und moderierten, konnten nun erleben, dass Gorbatschow nicht zu bremsen ist, wenn er erst einmal von damals erzählt. Resolut bat er die Schüler, sich bei ihren Fragen kurz zu halten – und gab dann selbst langatmige Antworten. „War Ihnen bewusst, dass Ihre Reformen zum Zusammenbruch der Sowjetunion führen würden?“, fragte eine Schülerin. „Nein natürlich nicht“, antwortete Gorbatschow. Die Reformen seien zu spät gekommen und hätten deshalb zum Zerfall der UdSSR geführt. Die Nomenklatura habe versucht, den Reformer Gorbatschow los zu werden.

Das Denken von damals sieht der einstige Generalsekretär der KPdSU noch heute in vielen Ländern am Werk: „Diejenigen, die im Kalten Krieg politisch aktiv waren, bleiben bei ihrer Mentalität.“ Gerade deshalb setze er auf die junge Generation, sagte Gorbatschow. Plötzlich wurde sein Tonfall ganz eindringlich, er schlug mit der Hand auf den Tisch und verkündete: „Es gibt nur einen Ausweg: Ihr müsst schnell den Schulabschluss machen, studieren und dann die Macht übernehmen.“

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