Berlin : Von großen Frauen zu großen Männern

Wolfram Siebeck

Sie sitzt in der Bibliothek auf der Lehne des hohen Sessels, in den ich mich zurückziehe, wenn ich nachlese, ob sich Hermann und Dorothea am Ende kriegen oder Doppelselbstmord begehen. Dort also sitzt Frau Hoffmann, und jetzt reckt sie sich noch nach der obersten Regalreihe, wo der Brockhaus steht.

„Suchst du was Bestimmtes?“, frage ich leichthin. Wahrscheinlich hat sich da oben eine fesche Motte zum Winterschlaf zurückgezogen.

„Ich suche den Band mit ,K‘“, antwortet sie, als wäre es die selbstverständlichste Sache von der Welt, dass eine Hauskatze nach Informationen über Kafka suchen will. Sie korrigiert meine Vermutung: „Was weißt du über Katharina die Große?“

„Die russische Zarin? Hm, nur das Übliche.“

„Nun sag schon; was ist üblich bei russischen Zarinnen?“

„Dass sie ihren Mann umbringen ließen, und überhaupt einen hohen Verbrauch an Männern hatten.“

Frau Hoffmann schnurrt zufrieden, wie immer, wenn sie von weiblicher Überlegenheit erfährt. „Kann man die Zarin mit Merkel vergleichen? Die hat doch auch einen hohen Verbrauch an Männern!“

Ich bin erleichtert, dass sie das Thema wechselt. Über die Gegenwart bin ich besser informiert als über Dinge, die nur im Lexikon zu finden sind. „Du meinst Merz, Stoiber und die anderen, die beim Koalieren auf der Strecke geblieben sind?“

„Nicht nur die. Auch Mayer, Kirchhoff und all die Rechenkünstler, die sich in Angela Merkel schwer verrechnet haben. Eines Tages wird man sie ebenfalls ,die Große‘ nennen wie die russische Katharina.“

Ich merke schon seit Tagen, wie sie langsam zur Parteigängerin der Dame aus der Uckermark wird. Als Müntefering den Parteivorsitz räumte und Platzeck nachrückte, freute sie sich über diese ,logische Reanimierung von Brüderlein und Schwesterlein‘. Ob das nicht eher an Romeo und Julia erinnere, habe ich sie gefragt, was sie nach kurzer Überlegung mit „Nein, zu viel Sex im Spiel“ ausschloss.

Später, nach einem Kurzschlaf auf der Fensterbank, kommt sie noch einmal auf die russische Zarin zurück. „Wie groß war Katharina wirklich? Wie Karl?“ – „Welcher Karl?“ – „Nun, Karl der Große.“ – „Der ist schon über tausend Jahre tot. Damals waren die Menschen alle viel kleiner als heute.“ – „Die Katzen auch?“

Die schlimmste Eigenschaft der Katzen ist ihre Neugier. Sie fragen einem Löcher in den Bauch. Was weiß ich von der Katzengröße im Mittelalter? Wie groß der Ägypter Ramses war, ist wissenschaftlich gesichert. Aber wer hat schon Katzen derart eingehend erforscht? Beinahe hätte ich Frau Hoffmann jetzt gefragt, ob sie nach ihrem Tod mumifiziert werden will. Aber dann erscheint mir die Frage doch ziemlich taktlos. Nur Hunde sind Katzen gegenüber taktlos. „Was hast du soeben gedacht?“, fragt sie misstrauisch. Hat wohl ihre Gene aktiviert, mit denen sie Gedanken liest.

„Wie taktlos Hunde sein können, habe ich gedacht.“ Mit dieser Ausflucht gibt sie sich erwartungsgemäß zufrieden.

„Kennst du sonst keine großen Frauen?“, will sie nach einer Weile wissen, in der sie sich auf ihre Maniküre konzentrierte.

„Die Frau von Henry Kissinger war ziemlich groß. Aber ich habe sie nicht wirklich gekannt. Die einzige Riesin, die mir je über den Weg gelaufen ist, hieß ,Die große Sensation‘. Ich habe sie im Varieté gesehen. Ein befrackter Herr im Zylinder schob sie in eine schwarze Kiste und sägte sie in zwei Teile.“

Die Katze vergisst ihre Nagelpflege und starrt mich ungläubig an: „In zwei Teile?“

„Ja, dadurch wurde sie irgendwie kürzer. Denn als er sie aus der Kiste nahm, im übrigen völlig intakt, war sie nur noch so groß wie ... wie Frau Merkel.“

Frau Hoffmann denkt ungewöhnlich lange nach. „Ich glaube nicht, dass die sich zersägen lässt.“

— Der Autor ist Deutschlands bekanntester Gastrokritiker und kennt sich auch bei Katzen aus. Ganz besonders bei Frau Hoffmann, seiner schlauen Mitbewohnerin. Sie hat zu allem etwas zu sagen.

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