Berlin : Von Kirchen und Küssen

Zum Gottesdienst für Verliebte lädt St. Marien am Alexanderplatz – erotische Exkurse inklusive

Ariane Bemmer

Er küsse mich mit Küssen seines Mundes, denn deine Liebe ist köstlicher als Wein. So steht es im Hohelied der Liebe im Alten Testament. Und das ist noch lange nicht alles.

Verliebt sein, das ist ja nicht nur was für junge Leute von heute. Verliebtsein, das gab es schon vor tausenden von Jahren. Auch verliebt sind die zwei Berliner, die schon vor 25 Jahren geheiratet haben und sich zur Feier der Silbernen Hochzeit nochmal kirchlich trauen lassen. Das hat es gegeben vor einem Jahr in der Marienkirche. Wie man das hinkriegt, so lange verliebt zu sein, darüber wollen sie beim „Gottesdienst für Verliebte (und alle anderen)“ berichten. Pfarrer Gregor Hohberg,38 Jahre alt und seit zehn Jahren verliebt und verheiratet, hofft, dass es voll wird und lockt mit einem Segen, den Paare für ihre Liebe bekommen können. Außerdem sollen Rosen verteilt werden. Dazu liest Hohberg Texte aus dem Hohelied der Liebe, die einem die Ohren glühen lassen: „Nimm mich jetzt mit dir, mein König, mein Prinz, führe mich zu deinem Palast, damit wir einander genießen.“ So baggert die Verliebte den Begehrten an. Sie ihn. Das ist auch ziemlich modern.

Er sei selber „immer wieder platt“, sagt Hohberg, wenn er in dem Hohelied der Liebe lese. Etwa dies: „Mein Geliebter ist wie ein Bund Myrrhe, das zwischen meinen Brüsten ruht, ein stolzes Bündel Hennablumen, das sich in meinen Weinberg bettet.“ Kirche also mal sinnlich erotisch. Und vorsorglich steht in der Einladung auch gleich: „Küssen erlaubt!“

Außer den sozusagen silbernen Eheleuten berichtet ein Paar aus seinem Liebesleben, das in verschiedenen Städten wohnt, und ein drittes, das muslimisch-christlich gemischt ist. Situationen also, in denen sich gerade Berliner schnell wiederfinden können. Genau das sei auch der Grundgedanke hinter der Gottesdienst-Reihe namens „Lebensstufen“ gewesen, sagt Hohberg: Themen, die jeden angehen. Nach dem Verliebten-Gottesdienst heißt es „Eltern werden“, es folgen Krankheit, Trennung, Fragen zum „immer arbeiten müssen“ oder älter werden, es geht um Sterben und danach um Aufbrüche. Die Marienkirche füllt damit ihre Sonntagabende, die im Semester den Uni-Gottesdiensten gehören, doch jetzt gerade sind Semesterferien. Zum Trennungsgottesdienst haben die Kirchenleute eine Scheidungsanwältin eingeladen, zum Thema Tod sprechen ein Palliativmediziner und eine Pflegerin aus einem Sterbehospiz. Deren Geschichten seien weniger traurig, als man annehmen könnte, sagt Hohberg. Vielmehr handelten sie von Kraft, Liebe und Mut. In der Stadt der Singlehaushalte gibt es viel Platz für Geschichten dieser Art. Oder, wie es im Hohelied heißt: Die Liebe ist süß, sie schmeckt nach mehr.

Termine der Lebensstufen-Gottesdienste: 19. Februar: für Verliebte und alle anderen, 26. Februar: Eltern werden (mit Kinderbetreuung), 5. März: Krank werden. 12. März: Trennung. 19. März: Müssen wir immer arbeiten? Burnout und Workaholics. 26. März: Älter werden. 2. April: Sterben. 9. April: Aufbrüche. Beginn: 18.30 Uhr in der St. Marienkirche, Alexanderplatz

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