Berlin : Von Mäusen und Elefanten

Wie der Grünen-Außenseiter Marek Dutschke in Lichtenberg darum ringt, PDS-Spitzenkandidat Harald Wolf Konkurrenz zu machen

Lars von Törne

Dem Herausforderer ist nicht wohl in seiner Haut. Marek Dutschke – Wollpulli, Dreitagebart, Hornbrille – sitzt gebeugt auf dem Podium des Kulturhauses Karlshorst und stützt den Kopf auf seine Hand. Als wollte er sich verstecken. Mit jeder Frage, die der Moderator an die fünf Kandidaten richtet, scheint der Grünen-Vertreter weiter in sich zu sinken. Warum dieser Wahlkreis? Was sagen Sie zur Infrastruktur? Was haben Sie konkret vor, wenn Sie ins Abgeordnetenhaus kommen? Dutschke gibt auf keine Frage eine klare Antwort, windet sich und schweift ab, indem er über Globalisierung, grüne Grundsätze oder sich selbst und seinen berühmten Vater redet. Irgendwann ist die Geduld des Moderators vom Bürgerverein Karlshorst am Ende. „Wenn ich über die Maus rede, sprechen Sie über den Elefanten“, sagt er genervt.

Dieser Abend bringt ein Dilemma auf den Punkt, mit dem die Grünen im Wahlkreis 6 des Bezirks Lichtenberg zu kämpfen haben: Sie haben mit dem 26-jährigen Marek Dutschke einen Direktkandidaten gegen Wirtschaftssenator Harald Wolf (Linkspartei/PDS) ins Rennen geschickt, der nicht nur beim Publikum gemischte Gefühle hinterlässt. Auch innerhalb der Grünen ist die Platzierung des Newcomers mit guten Verbindungen zum Parteivorstand umstritten. Gleichzeitig hofft man in der Partei, dass der in Mitte lebende Importkandidat mit dem berühmten Namen linksalternatives Wählerpotenzial anzieht. Dafür muss man schon Außergewöhnliches bieten: Bei der letzten Abgeordnetenhauswahl erreichten die Sozialisten hier 53,2 Prozent der Zweitstimmen, mehr als in jedem anderen Bezirk. Die Grünen lagen bei 2,8 Prozent. Ob Dutschke das ändert? Bei Auftritten wie kürzlich im Karlshorster Kulturhaus macht der Herausforderer keine gute Figur. Ganz anders als Harald Wolf. Der ist zwar ebenfalls kein Lichtenberger Urgestein. Aber der Wirtschaftssenator hat sich in die Themen eingearbeitet, die den Menschen hier auf der Seele brennen. So kann er jede noch so bezirkliche Frage mit einer Antwort parieren, die im Publikum mit anerkennendem Nicken aufgenommen wird. Bei Dutschke grummeln die Leute, lachen und schütteln den Kopf. „So ’ne Enttäuschung“, sagt einer. Zum Beispiel, wenn der Grüne sich dafür ausspricht, in Lichtenberg produzierte Öko-Lebensmittel zu fördern – und dann zugeben muss, dass er nicht weiß, ob es die überhaupt gibt. Und nach seinen konkreten Vorhaben für den Bezirk gefragt, gibt er zu: „Mit dem Thema kenne ich mich nicht so gut aus.“

Nach dieser Veranstaltung wirkt Marek Dutschke zerknirscht. „Eigentlich haben wir super Politik anzubieten“, sagt er. Wieso er , der als Referent an der Hertie School of Governance am Schlossplatz arbeitet, sich den Wahlkampf gegen die in Lichtenberg kaum zu besiegende PDS überhaupt antut? „Ich will mich für Berlin engagieren“, begründet er seinen Versuch, nach der nicht erfolgreichen Bundestagskandidatur letztes Jahr jetzt ins Abgeordnetenhaus zu wollen. Es scheint, als suche ein Heimatloser, wie er sich zuvor selbst beschrieben hat, nach einer Aufgabe. Dass dies die richtige für ihn ist, bezweifeln jedoch auch Dutschkes Förderer bei den Grünen.

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